TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 03.08.2016, Leitartikel von Peter Nindler: "Mehr Mut in der Politik statt Ehrungen"

Innsbruck (OTS) - Schützen- und Landeshauptmänner, Regierungsmitglieder und Landtagspräsidenten, Feuerwehrkommandanten und Bürgermeister, einflussreiche Honoratioren, brave Parteigänger, die fein säuberlich nach dem Proporz ausgewählt werden, natürlich viele Vertreter der Zivilgesellschaft und wenige Frauen: Das Tiroler Bild der Ehrungen ist zwar vielfältig und bunt, aber die Auszeichnungen sind ungleich verteilt. Viel wird sich daran nicht ändern, weil Frauen in vielen Bereichen unterrepräsentiert sind – ob in Führungspositionen der öffentlichen Verwaltung oder in den Vereinen. Und vielleicht sind sie bescheidener, weil sie nicht zur Überzeichnung ihrer Aufgaben neigen: weder im Beruf noch in der Familie und schon gar nicht in den Vereinen.
Die Politik kann noch so viel gendern, der Alltag hat seine eigenen Gesetze. Frauen müssen nicht die besseren Männer sein, verlautete gestern die SPÖ und spielte auf die vom grünen Landtagsvizepräsidenten Hermann Weratschnig losgetretene Schützendiskusion an. Vielmehr sollte ihr vielseitiges Engagement anerkannt werden. So weit sind die SPÖ und Weratschnig gar nicht voneinander entfernt, denn gesellschaftliche Anerkennung bedeutet Teilhabe. Ob Frauen bei den Schützen mit Gewehren mitmarschieren wollen, sollen sie selbst beantworten. Aber wie ist das noch einmal mit den Tabus, etwa beim Frauenfußball? Noch bis 1970 war er in der großen Fußballnation Deutschland sogar offiziell verboten.
In vielen gesellschaftlichen Fragen braucht es nicht die Moralkeule, sondern mehr Gelassenheit. Und den Mut, vor allem der Politik, Ungleichheiten zu beseitigen: Das betrift die Einkommenssituation genauso wie zumindest Führungspositionen in öffentlichen Unternehmen und Kontrollgremien. Eine gute Kinder(ganztags)betreuung gehört ebenfalls dazu, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Und, und, und ...
Bei all diesen noch zu bewältigenden politischen Herausforderungen für die tatsächliche Gleichstellung wirkt der Anlass für die Debatte über Frauenquoren beinahe kleinlich: Verdienstmedaillen und -kreuze am Hohen Frauentag. Hier gäbe es allerdings eine einfache Antwort. Die Auszeichnungswelle, das medaillenträchtige Vor-den-Vorhang-Holen, das vor Wahlen aller Art beliebte und hofierte Ehrennadel-Anstecken sollte endlich einer neuen Bescheidenheit weichen. Die nach wie vor männerdominierte Politik könnte sich an der Zurückhaltung der Frauen orientieren.

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