Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 1. August 2016. Von PETER NINDLER. "Gewieft, geschont und hoch verschuldet".

Innsbruck (OTS) - Der Matreier Bürgermeister und ÖVP-Mandatar Andreas Köll tanzt finanziell auf dem Vulkan. Das ist natürlich vor allem seine Verantwortung, aber die Behörden und die ÖVP-dominierte Politik haben zu lange ihren Parteigänger gedeckt.

Die Schuldenlast der Tiroler Gemeinden ist im vergangenen Jahr wieder gestiegen. Mit 815 Millionen Euro stehen sie in der Kreide. Matrei in Osttirol hat rund 40 Millionen zu schultern. Die Gemeindekonten sind heillos überzogen, die Außenstände schränken den Handlungsspielraum massiv ein. Seit Jahren kämpft der dortige Bürgermeister ums finanzielle Überleben, weil er kommunalpolitisch über die Verhältnisse lebt.
Doch Andreas Köll ist nicht irgendwer, sondern einer der gewieftesten Politiker und Strategen im Land; ein altgedienter ÖVP-Mandatar und Machtmensch. Das erklärt die besondere Situation in der Tauerngemeinde: Denn so sehr das Land bzw. die Bezirkshauptmannschaft Lienz jetzt auf Matrei blicken, jahrelang wurde weggeschaut – von der Behörde und der ÖVP.
Dass die Staatsanwaltschaft Innsbruck das Ermittlungsverfahren gegen Andreas Köll eingestellt hat, ist wenig überraschend. Die Begründung dafür spricht allerdings Bände und ist weniger eine juristische Watsch’n, sondern eine politische. Sinngemäß heißt es nämlich, dass die budgetäre und wirtschaftliche Praxis in Matrei der BH Lienz als Aufsichtsbehörde seit Langem bekannt war und nie beanstandet wurde. Das stimmt zwar so nicht ganz, denn seit 2012 hat die Behörde der Matreier Gemeindeführung ein Sanierungskonzept nach dem anderen aufgetragen. Dabei stößt sie aber an die Grenzen der Gemeindeautonomie. Doch was war davor?
Der ehemalige Lienzer Bezirkshauptmann Paul Wöll agierte als braver Parteigänger der ÖVP. Weil Köll schließlich ein Schwarzer ist, wurde er mit Samthandschuhen angefasst. Schulden hin oder her. ÖVP-Chef und Landeshauptmann Günther Platter wollte vor der Landtagswahl 2013 ebenfalls keine Skandale und vor der Gemeinderatswahl 2016 schon gar keinen. Deshalb kochten die Schulden ihres Osttiroler Parteigängers auf kleiner Flamme und nicht wirklich hoch.
Gleichzeitig kämpfte sich der 2013 ausgebootete Köll mit der Natura-2000-Debatte politisch zurück, gemeinsam mit der Lienzer BM Elisabeth Blanik teilt er sich wieder den Bezirk; weil es ihm darüber hinaus gelingt, den eigentlichen Osttiroler VP-Abgeordneten Hermann Kuenz als Vertreter des Innsbrucker Establishments zu brandmarken. Trotzdem: Der Schuldenrucksack des Matreier Bürgermeisters wiegt schwer. Mit Konfrontation wird er seine Gemeinde mittelfristig nicht sanieren. Auch nicht mit seiner bürgermeisterlichen Allmacht. Deshalb könnte Köll letztlich scheitern, weil er finanziell auf einem Vulkan tanzt.

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