Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 29. Juli 2016. Von CHRISTIAN JENTSCH. "Der Dämon vor unserer Haustüre".

Innsbruck (OTS) - Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein – und Europa ist mittendrin. Im Sog aus Terror und Angst, im Sog aus Gewalt und Gegengewalt wird die Unsicherheit zur Norm. Mit all den prekären Folgen für unsere Zukunft.

Sie brachen in den vergangenen Monaten wie eine Lawine über uns herein. Sie nahmen uns den Atem, nun drohen wir an ihnen zu ersticken. An all diesen Bildern, die von Tod und Leid, von Panik und Angst, von Hass und Terror zeugen. Die Anschläge von Paris, Brüssel und Nizza, die Attacken von Würzburg und Ansbach bei unseren Nachbarn in Bayern, der Amoklauf von München: Eine Wahnsinnstat jagte die andere, es bleibt keine Zeit zum Verschnaufen. Dazu kommen politische und gesellschaftliche Verwerfungen wie der gescheiterte Putschversuch von Teilen des Militärs in der Türkei und der zivile Gegenputsch von Präsident Erdogan, bluttriefende Bürgerkriege im Nahen Osten, der Konflikt mit Russland in der Ukraine, die Rassenunruhen in den USA und die Erosion der EU, wobei der Brexit wohl nur die Spitze des Eisbergs markiert. Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten, die Schreckensmeldungen verdichten sich. Unsicherheit, Angst und Wut schicken sich an, auch in unserer Gesellschaft das Kommando zu übernehmen. Mit all den Folgen, die wie ein dunkler Schatten über der Zukunft liegen.
Nein, die Welt ist kein sicherer Ort geworden. Das Versprechen, dass mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes eine neue Ära des globalen Friedens und des unendlichen Wachstums begonnen hätte, klingt heute wie blanker Zynismus aus längst vergangenen Zeiten. Vieles ist im Umbruch, begleitet von Exzessen der Gewalt, begleitet von Unsicherheit, die neue Unsicherheit schafft. Und der Terror erzeugt Risse in einer Gesellschaft, die außer Tritt zu geraten droht. Die Demagogen haben längst Lunte gerochen und ergötzen sich am Zündeln. Die Schlachtfelder von Syrien und dem Irak schaffen es längst nicht mehr auf die Titelblätter. Und Anschläge der Terrorbande des IS im Nahen Osten gehören längst zum Alltag. Doch nun haben es die in den Trümmern blutiger Kriege gezeugten und von der Kette gelassenen Monster des IS geschafft, in unsere Welt einzubrechen. Der Terror ist nicht nur noch ein fernes Echo, der Dämon steht vor unserer Haustüre. Brutale Machtpolitik hat den Nahen Osten in ein Minenfeld verwandelt, der völlig verfehlte Irakkrieg dem Terror viele Türen geöffnet. Heute macht der Terror vor niemandem mehr Halt, auch Europa ist in den Sog von Gewalt und Angst geraten – selbst unsere unmittelbare Nachbarschaft.
Wir werden in Europa zusammenstehen müssen, um der neuen Gewalt – von außen und von innen – auch in Krisenzeiten zu widerstehen.

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