TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 28. Juli 2015 von Florian Madl - Die Wutbürger der Sportwelt sind im Unrecht

Innsbruck (OTS) - Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, steht nach seinem Verzicht auf einen Ausschluss Russlands in der Kritik. Die hat sich der Deutsche ebenso wenig verdient wie Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa ihr Startverbot.

Wer sich mit den Mächtigen im Sport anlegt und damit den Weg für seine Mitstreiter bereitet, erntet bestenfalls deren Applaus. Jean-Marc Bosman hob in den 90ern mit seiner Rebellion die Transferwelt des Fußballs aus den Angeln (und machte aus Leibeigenen hochbezahlte Leibeigene). Rad-Mechaniker Jef D’hont und Ex-Profi Jörg Jaksche brachen ihr Schweigen zum Thema Doping, Geld brachte ihnen das keines. Und an Julia Stepanowa, die zuletzt mit ihren Enthüllungen den russischen Dopingskandal ins Rollen gebracht hat, manifestiert sich das Schicksal der geläuterten Sportlerin, die für ihren Mut leer ausgeht. Die Sportwelt hat für eine „Johanna von Orleans“, eine reuige Dopingsünderin, keinen Platz. Ein Rio-Startplatz wurde der 30-Jährigen vom Internationalen Olympischen Komitee verwehrt.
Der Fall Stepanowa mag dennoch der einzige Fehler von Thomas Bach in der Beurteilung der Causa Russland gewesen sein. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees hätte der so genannten Whistleblowerin die Annehmlichkeiten einer Kronzeugin gewähren und sie trotz ihrer Vergangenheit starten lassen müssen. Die Osaka-Regel, wonach ehemals gedopte Sportler die darauffolgenden Spiele auslassen müssen, wurde gekippt. Und niemand hätte sich einen Olympia-Bann ansonsten wohl mehr verdient als Sprinter Justin Gatlin – den erwischte man schon zweimal.
Was Thomas Bach von den Wutbürgern der Sportwelt abseits der Causa Stepanowa abbekommt, ist allerdings nicht nachvollziehbar. Kollektivstrafen wie der geforderte Bann des gesamten russischen Olympia-Teams in Rio können nicht die Lösung für ein jahrelang verkanntes Dopingsystem sein. Es wäre eine Fortsetzung des Kalten Krieges auf Tartanbahnen, Judomatten und Schwimmbahnen. Was sich Sportorganisationen wie das Internationale Olympische Komitee vielmehr anlasten müssen, ist das Krisenmanagement: Wie kann es sein, dass eine Woche vor Beginn von Sommerspielen rechtssichere Szenarien entworfen werden müssen? Wie kann es sein, dass kritische Sportmediziner in der Vergangenheit angesichts unglaubwürdiger Leistungen als Nestbeschmutzer denunziert und vom IOC nicht ernst genommen wurden? Wenige Tage vor den Sommerspielen den verfahreren Karren aus dem Dreck zu ziehen, ist ebenso unmöglich wie das Reinigen des olympischen Segelreviers von Rio de Janeiro. Das Wasser ist von Grund auf verseucht, für das von der Weltpolitik beeinträchtigte Sportsystem gilt das in vielerlei Hinsicht leider auch.

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