Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 27. Juli 2016. Von MARCO WITTING. "Ohne Filter".

Innsbruck (OTS) - Durch das Internet konsumieren wir immer mehr und noch schneller Nachrichten. Doch soziale Netzwerke sind in Zeiten des Terrors Fluch und Segen, Mittäter und Helfer. Gerade falsche Meldungen verstärken das Gefühl von Unsicherheit.

Es ist ein unerträgliches Stakkato an Meldungen. Paris, Brüssel, Nizza, Würzburg, München, Ansbach, wieder zurück nach Nordfrankreich. Dazwischen die USA, die Türkei. Und nebenbei die Meldungen von zig Toten im Irak, die nur noch am Rande Platz finden. Weil wir in unseren Köpfen nicht mehr genug Platz haben können, um dies alles zu verarbeiten, zu bewerten, einzuordnen. Nachrichten sind das Eine. Das Problem oft ein anderes. Wir konsumieren Schlagzeilen, Nachrichten immer schneller. Live. Alles. Aber: ohne jeden Filter.
Wenn ein Polizeisprecher in München in der Hektik eines unübersichtlichen, feigen Amoklaufs zum Helden wird, weil er Dinge „abklären“ und „prüfen“ muss, dann sagt das viel aus. Menschen suchten einen Erklärer. Im Internet fanden sie oft Gerüchte und Falschmeldungen. Rasend schnell verbreiteten sich diese in den sozialen Netzwerken. Die waren Fluch, Segen, Mittäter, Polizeihelfer. Gleichzeitig. So unübersichtlich das klingt, so war es auch. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich Nachrichten. Richtige. Noch viel mehr falsche. Das erste Video kursierte, da ging man von drei Schützen aus. Die ersten Hasspostings standen da schon darunter. Und die ersten falschen Urteile längst fest.
Das Internet und soziale Netzwerke zu verteufeln, wäre falsch. Meldungen und Videos halfen der Polizei weiter. Zudem zeigte das Netz auch seine guten Seiten, etwa wenn es darum ging, gestrandeten Menschen Unterschlupf zu bieten. Die Münchner Polizei nutzte das Netz perfekt und informierte, beruhigte aus erster Hand. Doch gleichzeitig sorgten extrem viele Meldungen, Gerüchte, Unwahrheiten auf Twitter, Facebook und Co. dafür, dass sich unser Unwohlsein nachhaltig verstärkte. Weil uns das Unbekannte, das Unklare besonders viel Angst macht.
Es ist ein unerträgliches Stakkato an schlechten Meldungen. Am Ende der Nacht von München blieb vielen ein Tweet im Kopf hängen. „Innehalten. Durchatmen“, hieß es in dieser Nachricht unter anderem. Soziale Netzwerke sind Teil unseres Lebens. Gut. Schlecht. So wie sie eben genutzt werden. Innehalten, durchatmen, filtern. Das kommt öfter in den Sinn, wenn man in bewegten Zeiten im Sturm der Schreckensmeldungen den Überblick und die Hoffnung zu verlieren droht. „Weiter an das Gute im Menschen glauben“, stand auch in diesem Tweet vom Freitagabend. Ein guter Ansatz wäre, sich öfter auch Positives herauszufiltern.

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