Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 26. Juli 2016. Von MARIO ZENHÄUSERN. "Kein Platz für Erdogan in der EU".

Innsbruck (OTS) - Solange der türkische Präsident Menschen- und Bürgerrechte ebenso mit Füßen tritt wie die Pressefreiheit und solange er seine Kritiker mit willkürlichen Verhaftungen mundtot machen will, müssen die Tore der EU für ihn verschlossen bleiben.

Als kranker Mann am Bosporus wurde im 19. Jahrhundert das geschwächte Osmanische Reich bezeichnet, aus dem später die Türkei hervorgehen sollte. Mustafa Kemal Atatürk formte in den 20er- und 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts aus dem rückständigen Staat eine moderne Republik westlicher Prägung. Kopftuchverbot, die rechtliche Gleichstellung der Frau, die Vereinheitlichung des Schulwesens und vor allem die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche (Laizismus) sind nur einige der Reformen Atatürks, die in der Türkei nachhaltig wirkten und sie fit für Europa machten.
2003, bei seinem Amtsantritt als Ministerpräsident, scheint Recep Tayyip Erdogan diesen Weg fortsetzen zu wollen. Er öffnet das Land, um dann eine Kehrtwende zu machen. Plötzlich will der selbstherrliche Staatschef nichts mehr wissen von Demokratie und Säkularisierung. Er tritt vor den Augen der Welt Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen, missachtet die Pressefreiheit, nimmt die demokratischen Reformen Atatürks sukzessive zurück. Vom Liebkind zum Feindbild des Westens abgestiegen, gilt nur noch sein Wort und das seiner islamtreuen Vasallen. Europa beobachtet das Drama mit Besorgnis, weil es den unberechenbaren Autokraten als Bollwerk gegen Flüchtlinge braucht. Die Ereignisse nach dem Putschversuch vor zehn Tagen, die brutale Abrechnung mit seinen Gegenspielern, die willkürlichen Verhaftungen und die Liebäugelei mit der Todesstrafe machen klar, dass für Erdogan und „seine“ Türkei in Europa kein Platz ist. Was das für die Flüchtlings-Abkommen zwischen der EU und der Türkei bedeutet, wird sich weisen. Vorsicht ist angebracht.
Auch die NATO wird jeden Schritt des Despoten von Ankara mit Argusaugen beobachten. Schließlich besitzt die Türkei, an der Schnittstelle von Orient und Okzident gelegen, enorme strategische Bedeutung. Und das nicht erst, seit die USA mit ihrer ausschließlich eigenen Interessen dienenden Politik den Nahen und Mittleren Osten in Brand gesetzt haben. Der türkische Präsident weiß um seine Schlüsselrolle. Das macht ihn noch unberechenbarer, noch gefährlicher. Er spielt mit der EU Katz und Maus und provoziert die NATO mit seiner guten Gesprächsbasis mit Wladimir Putin.
Vom kranken Mann am Bosporus kann keine Rede mehr sein. Im Gegenteil, Recep Tayyip Erdogan fühlt sich sogar stark genug, um es mit dem versammelten Westen aufzunehmen. Dabei bemerkt er nicht, wie sehr er sich und sein Land immer weiter isoliert. Das wird sich über kurz oder lang rächen.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001