Neues Volksblatt: "Werther-Gefahr" (von Christian Haubner)

Ausgabe vom 25. Juli 2016

Linz (OTS) - Als die ersten Meldungen über den Amoklauf im München kamen, haben viele zuerst an einen weiteren Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund gedacht. Das kommt nicht von ungefähr, schließlich hat es zuletzt einige solcher Gräueltaten gegeben. Möglicherweise kommt der Zeitpunkt des Amoklaufs auch nicht von ungefähr, auch wenn der Täter seit einem Jahr Pläne geschmiedet hat. Denn eben jene Terroranschläge bewirken, dass das Thema Gewalt allgegenwärtig ist. Bei den meisten dürfte sich das eher harmlos äußern: Manche urlauben nun lieber im Inland statt im Ausland. Oder man wirft in Menschenansammlungen prüfende Blicke um sich.
Das sind mehr oder minder normale Reaktionen. Labile Persönlichkeiten mögen hingegen anders reagieren. Bei ihnen kommt es vielleicht zu einer Herabsetzung der Hemmschwelle — ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen und den letzten Ausschlag darstellen kann. Im Bereich des Suizids kennt man das als „Werther-Effekt“: Das heißt, dass Menschen in psychischen Ausnahmesituationen, die von einem Suizid erfahren, Nachahmungshandlungen setzen.
Weil man Terror nicht verheimlichen kann, ist es vor diesem Hintergrund umso notwendiger, Ängste und Unsicherheiten zu thematisieren. Seriöse Information ist da nötig, um nicht zusätzlich die Gefühle anzuheizen. Dann lässt sich die „Werther-Gefahr“ des Terrors vielleicht minimieren.

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