Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 16. Juli 2016; Leitartikel von Mario Zenhäusern: "Grenzenlose Ohnmacht"

Innsbruck (OTS) - Die Tragödie von Nizza löst Betroffenheit aus, weil sie sich jederzeit und überall wiederholen kann. Logische Reaktionen wie Wut, Verzweiflung und Angst spielen lediglich den Aggressoren in die Hände, deshalb ist jetzt Besonnenheit gefragt.

Frankreich kommt nicht zur Ruhe. 19 Monate nach dem islamistisch motivierten Überfall auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo und nicht einmal ein Jahr nach den fürchterlichen Anschlägen von Paris – am 13. November 2015 tötete ein Mörder-Kommando der islamistischen Terrororganisation IS im Konzertsaal Bataclan sowie in Restaurants und Cafés in der Nachbarschaft insgesamt 130 Menschen – trägt die Grande Nation erneut Trauerflor. 84 Todesopfer, Hunderte Verletzte, 50 davon in Lebensgefahr! Das ist die schreckliche Bilanz der unfassbaren Tat eines einzelnen Mannes. Der Amokläufer versetzte sein Land ausgerechnet am Nationalfeiertag und wenige Tage nach der im Großen und Ganzen friedlich verlaufenen Fußball-Europameisterschaft in einen Schockzustand, der noch lange anhalten wird.
Unabhängig davon, ob es sich um einen Akt des Terrors oder die Tat eines Wahnsinnigen handelt, macht Nizza betroffen. Des Ausmaßes wegen, aber auch deshalb, weil sich die Tat jederzeit wiederholen kann. Überall. So platt der Satz von der hundertprozentigen Sicherheit, die es nicht gibt, angesichts der Tragödie auf der Promenade des Anglais auch ist: Er trifft leider zu. Todesfahrten wie diese können und werden sich wieder ereignen. Das wissen wir nicht erst seit der Amokfahrt von Graz im Juni des Vorjahres.
Die Ohnmacht dieser Tatsache gegenüber ist grenzenlos, die logischen Reaktionen darauf Wut, Verzweiflung und Angst. Doch das würde nur den Aggressoren in die Hände spielen, die genau das bewirken wollen. Wer wütend, ängstlich oder verzweifelt ist, neigt zu Fehlern – und Sicherheit verzeiht keine Fehler. Die Antwort auf das Drama von Nizza muss deshalb sein, mit Nachdruck sämtliche Hintergründe der Tat zu ermitteln, um dann so rasch wie möglich zur Tagesordnung übergehen zu können. Jede offene Frage öffnet politischen Trittbrettfahrern Tür und Tor. Die ersten gießen bereits Öl ins Feuer, missbrauchen die Tat für ihre persönlichen Feldzüge. Dabei ist jetzt mehr denn je Besonnenheit notwendig.
Den Verantwortlichen auf allen Ebenen ist der Mut zu wünschen, auf die unbeschreiblichen Vorfälle an der Cote d’Azur mit allem zu Gebote stehenden Nachdruck, aber eben auch mit Bedacht zu reagieren. Es steht viel auf dem Spiel: die Sicherheit der Menschen auf der einen, ihre Grund- und Freiheitsrechte auf der anderen Seite. Es ist Aufgabe der Politik, die Balance zwischen diesen Extremen zu finden.

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