Industriekonjunktur: IV für Prinzip Vorsicht

IV-GS Neumayer Daten: Stimmungseintrübung nach Brexit-Votum – Verlässliche Standortpolitik in Österreich unabdingbar – IV-Chefökonom Helmenstein: Auftriebskräfte haben Zenit erreicht

Wien (OTS/PdI) - „Die Aussicht eines Austrittes des Vereinigten Königreichs aus der EU führt zu einer erheblichen Zunahme der konjunkturellen Unsicherheit. Die resultierende Stimmungseintrübung durchzieht sämtliche zukunftsgerichteten Indikatoren der aktuellen IV-Konjunkturumfrage“, betonte der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Mag. Christoph Neumayer, in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit IV-Chefökonom Dr. Christian Helmenstein zu den Resultaten des aktuellen Konjunkturbarometers aus dem 2. Quartal 2016 am heutigen Donnerstag. „Dazu gesellt sich ein weiterhin unterkühltes globales Konjunkturumfeld. Aus derzeitiger Sicht haben die konjunkturellen Auftriebskräfte ihren Zenit im Inland für heuer bereits erreicht, es ist keine weitere Beschleunigung zu erwarten. Während das erste Quartal des heurigen Jahres noch vom Prinzip Hoffnung auf einen besseren Jahresverlauf geprägt war, herrscht nun das Prinzip Vorsicht vor.“

Der IV-Generalsekretär unterstrich in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit des Zeichnens eines konzisen und großen Zukunftsbildes für den Standort Österreich gerade auch durch die aktuelle Bundesregierung: „Einige positive Impulse – das Startup-Paket oder Verbesserungen bei der Bankenabgabe – wurden in den vergangenen Tagen gesetzt, Absichtserklärungen zu Gewerbeordnung und Sozialversicherungen gegeben. Angesichts der Stimmungsdämpfung durch den zu erwartenden Brexit und die angespannte Bankensituation in Italien, muss das angekündigte Standortpaket („New deal“) die richtigen Themen behandeln und mutige Umsetzungsmaßnahmen enthalten. Ein Blick auf die noch nicht abgearbeiteten Themen des Regierungsprogrammes kann da zur offiziellen Halbzeit der Legislaturperiode mehr als sinnvoll sein.“ Neumayer erinnerte insbesondere an die Bereiche Bürokratie und Arbeitszeit.

Mäandernde Konjunkturerwartungen

Mehrere Jahre hatte es bedurft bis zur vorsommerlichen Wende. Gemeint sind an dieser Stelle die jüngsten Konjunkturprognosen, nicht etwa der Wechsel an der österreichischen Regierungsspitze. Während der letzten vier Jahre waren diese durchgängig zu optimistisch ausgefallen, sodass sie im Gefolge ihrer Erstveröffentlichung sukzessive nach unten korrigiert werden mussten. Nach langer Durststrecke zeichnete sich während des Frühjahrs ab, dass manche Prognose nunmehr zu pessimistisch ausgefallen sein könnte. Das betraf insbesondere solche Prognosen, deren Hauptrecherche-Phase im ersten Quartal des laufenden Jahres lag, als auf den internationalen Kapitalmärkten zunächst eine globale Rezession eingepreist und seitdem wieder ausgepreist wurde.

So dürften die OECD und der IMF in ihren Sommerprognosen für die Eurozone einen Hauch zu zurückhaltend sein, für Österreich sogar deutlicher zu niedrig liegen. Nach einem starken ersten Quartal könnte das reale Wachstum in der Eurozone die für das Gesamtjahr prognostizierten Werte von rund eineinhalb Prozent durchaus übertreffen, welche eher die Untergrenze der tatsächlichen Dynamik darstellen sollten. Dies gilt erst recht für die Konjunkturprognosen der supranationalen Institutionen für Österreich, die bei Werten in Höhe von 1,3 Prozent beziehungsweise 1,2 Prozent zu pessimistisch ausgefallen sein dürften.

Einerseits profitiert Österreich aufgrund der engen Handelsverflechtungen von der Dynamik in Deutschland, wenngleich weniger als üblich, da die dortigen Hauptwachstumstreiber aktuell binnenwirtschaftlicher und nicht außenwirtschaftlicher Natur sind:
Bei florierenden deutschen Warenexporten partizipieren österreichische Hersteller entlang der Wertschöpfungskette stärker als bei den derzeit expansiven Dienstleistungs- und Wohnbauaktivitäten. Andererseits erwachsen in Österreich zusätzliche Nachfrageimpulse sowohl aus privaten Konsumausgaben aufgrund der Steuertarifsenkung als auch aus zuwanderungsinduzierten öffentlichen Ausgaben. Diese haben sich schon im ersten Quartal in einer Beschleunigung des Wachstums auf 0,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal beziehungsweise auf 1,3 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahresquartal niedergeschlagen.

Konterkariert wird dieses von Zuversicht geprägte Szenario jüngst allerdings durch den Ausgang des britischen Votums zur EU-Mitgliedschaft. Sie könnte mit Blick auf das Jahr 2017 auch die Erwartung überlagern, dass die globale Wachstumsschwäche, an welcher rezessive Entwicklungen in wichtigen rohstoff- und energieexportierenden Ländern wie Brasilien und Russland einen erheblichen Anteil hatten, im Einklang mit wieder anziehenden Rohstoffpreisen allmählich überwunden werden könnte.

Die Ergebnisse im Detail

Das IV-Konjunkturbarometer, welches als Mittelwert aus den Beurteilungen der gegenwärtigen Geschäftslage und der Geschäftslage in sechs Monaten bestimmt wird, schwächt sich dementsprechend leicht von +26 Punkten auf +24 Punkte ab. Diese abermalige Abwärtswende ist zur Gänze auf die sich markant eintrübenden Geschäftserwartungen, die von +15 Punkten bis auf +4 Punkte und damit nahezu an die Nulllinie zurückzufallen, zurückzuführen. Hingegen verbessert sich die aktuelle Geschäftslage nach dem vorübergehenden Rücksetzer des ersten Quartals um acht Punkte. Dieser Befund unterstreicht die Einschätzung, dass der Ausgang des Brexit-Votums im laufenden Jahr nur minimale Auswirkungen auf die konjunkturelle Dynamik in Österreich haben wird und die mittelfristigen Folgen desselben wesentlich von den Austrittsmodalitäten abhängen werden.

Weiterhin keine Wende zum Besseren zeigt die Entwicklung der Gesamtauftragsbestände, deren Saldo nunmehr bereits zum vierten Mal, und zwar um 1 Punkt, von +38 Punkten auf +37 Punkte zurückgeht. Zwar erweisen sich die Auftragsbestände noch als überwiegend auskömmlich, um die Produktionskapazitäten weitgehend auszulasten. Auftragsmangel herrscht nur bei jedem zwanzigsten Unternehmen. Anders als zu Beginn der großen Rezession gibt es aktuell dementsprechend keine Hinweise auf einen konjunkturellen Fadenriss, sondern vielmehr auf eine anämische konjunkturelle Entwicklung. Allerdings entfernt sich der betreffende Wert immer weiter von den für eine normale Aufschwungphase typischen Niveaus, sodass sich bei schrumpfender Auftragsreichweite die Voraussetzungen für die Vornahme von Erweiterungsinvestitionen weiter eintrüben.

Deutlich akzentuierter bildet sich die Komponente der Auslandsaufträge von +38 Punkten auf +29 Punkte zurück. Die globale Konjunkturabschwächung und die durch das Brexit-Votum noch verstärkte Unsicherheit konnten durch die solide Wachstumsdynamik auf den für Österreich besonders wichtigen deutschen sowie den zentral- und osteuropäischen Märkten nicht mehr wettgemacht werden.

Im Einklang mit der schwächeren Auftragslage gestalten die Unternehmen ihre Produktionsplanung für die nächsten Monate noch vorsichtiger. Der saisonbereinigte Wert der Produktionstätigkeit auf Sicht eines Quartals sinkt von +12 Punkten auf +9 Punkte, nachdem er vor Jahresfrist noch bei +16 Punkten gelegen hatte.

Die Eintrübung des Stimmungsbildes hinterlässt bei der Einstellungsneigung der Unternehmen bis dato kaum Spuren. Der Saldo für den Beschäftigtenstand bleibt nahezu unverändert auf +11 Punkten nach zuvor +12 Punkten, wobei weiterhin rund jedes fünfte Unternehmen die Erweiterung seiner Humankapitalbasis plant. Die Sorge vor einer sich verschärfenden Knappheit an Facharbeitern führt hier zu einer nicht konjunkturkonformen Vorverlagerung von Rekrutierungsaktivitäten, die an sich auf ein höheres Ausstoßniveau ausgerichtet wären.

Bei der Entwicklung der Verkaufspreise zeichnet sich erstmals seit vier Jahren eine Trendumkehr ab. Zwar schlagen sich die international weiterhin vorhandenen Überkapazitäten weiterhin in einem hohen Preisdruck bei industriell erzeugten Produkten nieder, doch zugleich erfordern steigende Marktnotierungen für Rohstoffe und Energie verstärkte Anstrengungen zur Kostenüberwälzung, sodass der Saldo von -9 Punkten im Vorquartal auf -1 Punkte zunimmt.

Im Einklang mit der noch befriedigenden Auftragslage verharrt der Saldo der aktuellen Ertragslage bei +20 Punkten nach zuvor +19 Punkten. Auf Sicht von sechs Monaten schlägt sich das Prinzip Vorsicht hingegen in einer gegen die Nulllinie tendierenden Ertragserwartung (Saldo +4 nach zuvor +6 Punkten) nieder.

Die IV-Konjunkturumfrage: Zur Befragungsmethode

An der jüngsten Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung beteiligten sich 420 Unternehmen mit rund 266.000 Beschäftigten. Bei der Konjunkturumfrage der IV kommt folgende Methode zur Anwendung:
den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv, neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien, sodann wird der konjunktursensible „Saldo“ aus den Prozentanteilen positiver und negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen gebildet.

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