TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 8. Juli 2016 von Marco Witting - Dringend notwendige Investitionen

Innsbruck (OTS) - Die Bildungsreform der Koalition kann ein halbes Jahr nach der Verkündigung noch nicht einmal benotet werden. Nach wie vor wird die Debatte über die Schule von Ideologien beherrscht. Dabei geht es um die Zukunft des Landes.

Am heimischen Schulsystem wird seit Jahren herumgedoktert. Einiges wurde schon von Beginn an krankgeredet und -geschrieben. Ohne dass man einer Reform eine Chance gegeben hätte. Bei anderen Projekten wurde aus ideologischen Gründen Medizin verordnet, ohne den Patienten je gründlich zu untersuchen. Die Politik hat die Schule als Spielwiese für ihre Weltanschauung vereinnahmt. Zurückgeblieben sind verunsicherte Lehrer, Schüler, Eltern. Gute Ratschläge von Experten und Zurufern gab es haufenweise. Geld? Weniger.
93.000 Tiroler Schüler bekommen heute ein Zeugnis. Die Bildungsreform der Koalition kann dagegen erst gar nicht beurteilt werden. Denn mehr als ein Startschuss waren die am 17. November präsentierten Absichten nicht. Und seither? Hat man sich in die ideologischen Schützengräben zurückgezogen. Die Streitigkeiten um die Modellregionen sind ein Beispiel dafür. Die Positionen bleiben. Der einzige gemeinsame Nenner scheint das Mantra „zum Kindeswohl“ zu sein. Am Ende scheinen Machtkämpfe und Parteidogmen dann aber immer wieder wichtiger.
Auch heuer drängten beispielsweise wieder mehr Kinder an die Gymnasien, während die Neuen Mittelschulen trotz engagierter Lehrerschaft und Millionenaufwand unter ihrem Image leiden. Dass es in Innsbruck nicht zu einem dramatischen Engpass bei den Schulplätzen wie im Vorjahr kam, lag mehr an einem geburtenschwachen Jahrgang als an einer Lösung von Seiten der Politik oder Schulverwaltung. Dazu kamen Themen wie Zentralmatura, Inklusion, Bildungsstandards und die Frage, wie weit die Schulautonomie gehen soll.
Es wird sich zeigen, wie sehr Bundeskanzler Christian Kern seiner Antrittsanalyse Tagen folgen lässt. „Bildungspolitik wird in Zukunft die beste Sozial- und die beste Arbeitsmarktpolitik sein“, sagte er bei der Antrittsrede im Parlament. Ein Ansatz, dem nicht zu widersprechen ist. Doch dafür braucht es Geld. Genau an dem fehlte es aber schon jetzt. Dabei darf, soll, ja muss uns Bildung – die Universitäten gehören hier natürlich dazu – zusätzliche Milliardeninvestitionen wert sein. Schon deshalb, weil die Schule immer mehr Aufgaben übernehmen muss. Doch bevor sich die Parteien dann hoffentlich aus dem Schulwesen zurückziehen, sollten sie endlich einmal klären, wofür dieses Bildungssystem stehen soll. Es geht um nicht mehr oder weniger als um die Zukunft des Landes.

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