TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 6. Juli 2016 von Alois Vahrner "Stimmung und die Realität"

Innsbruck (OTS) - Lange war die Stimmung bei den Konsumenten und der Wirtschaft in Österreich noch deutlich schlechter als die wenig berauschende Konjunkturlage. Jetzt geht es offenbar doch aufwärts, wenn auch Fragezeichen bleiben.

Auch Ökonomen wissen: Vieles im Wirtschaftsleben ist quasi Stimmungssache – und damit nicht von oben herab so einfach steuerbar. Denn es hängt eben viel von der Stimmung der Konsumenten ab, ob diese ihr sauer verdientes Geld verstärkt in den Konsum oder größere Anschaffungen stecken oder doch lieber aus Vorsichtsgründen auf die hohe Kante legen. Und ebenso, ob Unternehmer gefrustet sind oder optimistisch Wachstumschancen sehen und dann eben entsprechend in neue Maschinen oder Standorte investieren.
In den letzten Jahren, und das haben Wirtschaftsforscher oft genug beklagt, war die Stimmung in Österreich noch deutlich schlechter als die Lage. Im Europa-Vergleich waren Unternehmer und Konsumenten laut Umfragen nur noch in Griechenland pessimistischer – und von der dortigen katastrophalen Finanzlage und Massenarbeitslosigkeit ist Österreich doch glücklicherweise meilenweit entfernt.
Ein gerüttelt Maß an Schuld für die miese Stimmung hatte auch die rot-schwarze Bundesregierung, die vielfach als Streitkoalition auftrat und mit dem dadurch ausgelösten Reformstau Österreichs Abrutschen in verschiedenen Rankings mitzuverantworten hatte. Dass man selbst außerstande war, die nach viel Zank fixierte, fünf Mrd. Euro schwere Steuerreform der Bevölkerung als Mutspritze zu „verkaufen“, war ein selbst verschuldeter Marketing-Flop. Mittlerweile hat sich die Stimmung sowohl bei Konsumenten als auch der Wirtschaft aufgehellt. Ob doch durch die Steuerreform oder einfach auch durch die etwas bessere Wirtschaftslage oder die leicht sinkende Arbeitslosigkeit (in Tirol seit Monaten der größte Rückgang aller Bundesländer), bleibe einmal dahingestellt. Auch, ob mit dem Kanzlerwechsel doch einige Stimmungs-Vorschusslorbeeren verbunden sind, die freilich erst durch Taten einzulösen sind. Laut Wirtschaftskammer ist die Stimmung erstmals seit sechs Jahren sogar etwas besser als die tatsächliche Lage. Das kann positiv sein, wenn dann die Realität dank Konsum und Investitionen „nachzieht“. Stimmung ist wichtig, aber auch ein sehr zartes Pflänzchen, das bei Enttäuschungen und neuen Sorgen sehr rasch wieder ins Negative umschlagen kann.
Viel wird jetzt an der Politik, sowohl im Bund als auch im Land liegen, jetzt weitere Impulse für einen Aufschwung zu setzen. Und auch die Sozialpartner sollten noch öfter und stärker beweisen, dass sie bei überfälligen Reformen nicht Teil des Problems, sondern der Lösung sind.

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