TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 5. Juli 2016 von Peter Nindler - Die Euregio ist im Kopf und nirgendwo

Innsbruck (OTS) - Tirol, Südtirol und das Trentino werden in der Europaregion immer kopflastiger und driften im Alltag noch weiter auseinander. Landwirtschaft, Wirtschaft, Flüchtlings- und Brennerfrage listen das Versagen grenzüberschreitend auf.

Eigentlich sollte man einmal ganz fest die Luft anhalten: Alpbach, so heißt es, wird das intellektuelle Zentrum der Europaregion Tirol. Na bumm! Irgendwie wäre das schon der richtige Ansatz von Alpbach-Präsident Franz Fischler, doch die Euregio ist leider schon kopflastig genug; also bitte nicht noch intellektueller, wenn schon, dann alltags- und bürgernäher. Denn bisher pflastern vor allem politische Erklärungen den Weg, im Alltag spielt die Euregio kaum eine Rolle. Aber sogar politisch hinkt etwa das gemeinsame Büro von Tirol, Südtirol und dem Trentino in Brüssel seit Jahren den aktuellen Entwicklungen in der Europa-Hauptstadt hinterher, auf Inputs für regionale Entscheidungen wartet man zumindest in Innsbruck (sektorales Lkw-Fahrverbot, Natura 2000, etc.) vergeblich. Und der Europäische Verbund für territoriale Zusammenarbeit mit Sitz in Bozen ist ein Zungenbrecher und bürokratischer Euregio-Beschäftigungsverein.
Entgegen den Sonntagsreden von schärferen Konturen driftet die Europaregion irgendwie auseinander. Das Trentino liegt auf dem Weg zum Gardasee, ansonsten werden die einst so hochgelobten Berührungspunkte von Jahr zu Jahr geringer. Selbst mit Südtirol krampft es immer häufiger: In der Flüchtlings- und Brennerfrage mühten sich die Landeshauptleute Woche für Woche zu Kompromisssen. Statt in der Landwirtschaft endlich zu kooperieren, um gemeinsame (Berg-)Potenziale zu nützen, setzt Südtirol in der Milchkrise auf einen Zukaufsstopp von Tiroler Kühen. Das finanzielle Gerangel um den Finanzierungsbeitrag in Höhe von 50.000 Euro für das Tirolerheim in Wien lässt ebenfalls tief blicken. Wurde im Vorfeld nicht darüber zwischen Innsbruck und Bozen geredet?
Die Bilanz der heurigen Euregio-Monate fällt deshalb mehr als ernüchternd aus. Wer behauptet, sie bewegt sich doch, übertreibt maßlos. Vielmehr scheitert die Europaregion im Grundsätzlichen, während sie die Politik nach wie vor im Überschwang glorifiziert. Abgehoben, könnte man das geschliffen bezeichnen, oder bodenständiger „weit weg von die Leit’“. Nicht einmal einen gemeinsamen Euregio-Flughafen bringen wir in die Luft, obwohl der „Airport“ Bozen seit Jahren wirtschaftlich dahindümpelt.
In Alpbach entsteht leider ein intellektuelles Euregio-Zentrum ohne Fundament. Darüber sollte die Politik endlich nachdenken, wenn sie heuer wieder in das Dorf der Denker pilgert. Denn die Euregio versagt mehr denn je: in der Praxis sowie in Innsbruck, Bozen und in Trient.

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