TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Das falsche Spiel der Brexit-Schreier", von Christian Jentsch

Ausgabe vom 28. Juni 2016

Innsbruck (OTS) - Jene, die gestern am lautesten gegen die EU wetterten, scheinen für das Morgen Großbritanniens außerhalb Europas keinen Plan zu haben. Ein bewusst fahrlässiges Spiel mit der Zukunft.

In der Brexit-Kampagne fuhren die Wortführer eines Austritts Großbritanniens aus der EU mit schweren Geschützen auf. Und das Motto war ein ganz einfaches: Die EU ist für alles verantwortlich, was in Großbritannien schiefläuft. Für alles und für noch für viel mehr. Da wurden Ängste, Halbwahrheiten und Lügen sowie eine satte Portion Nichtwissen zu einem hübschen Paket geschnürt und dem Volk sozusagen zum Fraß vorgeworfen. Was dabei wahr oder falsch war, spielte für die Brexit-Anführer keine Rolle. Es ging um ihren Sieg, um ihre Machtgelüste. Londons früherer Bürgermeister und Brexit-Leitfigur Boris Johnson will neuer Chef der Tories werden und David Cameron als Premier beerben. Und Nigel Farage sieht vor allem sich und dann seine rechtspopulistische UK Independence Party (UKIP) im Aufwind. Mit Europa hatte das alles in nur sehr begrenztem Umfang zu tun. Denn all die Versäumnisse der britischen Politik Brüssel in die Schuhe zu schieben, ist nicht nur eine billige Übung, sondern auch ein fahrlässiges Spiel mit dem Feuer.
Heute, wenige Tage nach dem folgenreichen Referendum vom Donnerstag, hat das Volk seine Schuldigkeit getan. Das Ja zum Austritt Großbritanniens ist angekommen. Doch der Blick auf das Morgen verschlägt nun vielen die Sprache, die Schreihälse von gestern geben sich in Sachen Zukunft plötzlich ganz kleinlaut. Was den Austritt betreffe, gebe es keinen Anlass zur Eile, verkündete Johnson, dem es vor der Abstimmung nicht schnell genug gehen konnte. Man lässt Europa zappeln, um an einer möglichst einträglichen Scheidung zu basteln. Aber auch, weil man selbst nicht so genau weiß, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Gestern erklärte Johnson jedenfalls, dass die Briten auch künftig keinerlei Einschränkungen hinsichtlich des freien Zugangs zum europäischen Binnenmarkt befürchten müssten. Es bleibe alles beim Alten, nur dass London künftig Brüssel den Geldhahn zudrehen werde.
Die Märchenonkel beschwören das Alte, weil das versprochene Neue ein Mysterium bleibt. Abschottung in Zeiten der Globalisierung ist keine besonders schlaue Idee. Und die Leistungsfähigkeit der britischen Industrie sähe ohne europäische Partner wohl nicht allzu rosig aus. Ja, man kann und soll über die Richtung Europas streiten. Man kann gegen staatliche Verschwendung und Regulierungswut zu Felde ziehen. Man kann auf mehr nationale Rechte pochen. Doch man sollte dies mit Argumenten tun. Und nicht im Nebel von dumpfem Populismus.

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