Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 18. Juni 2016; Leitartikel von Christian Jentsch: "Der Hass und der Kampf um Europa"

Innsbruck (OTS) - Kurz vor der richtungsentscheidenden Brexit-Abstimmung schockt ein Mord an einer jungen Politikerin die britische Bevölkerung. Das zunehmend vergiftete politische Klima lässt dunkle Wolken über Europa aufziehen.

Das Vereinigte Königreich steht wenige Tage vor der historischen Abstimmung über den Verbleib Großbritanniens in der EU kommenden Donnerstag unter Schock. Der Mord an der zweifachen Mutter und Labour-Abgeordneten Jo Cox, die vehement für den Verleib ihres Landes in der Union eingetreten war, lässt die Briten inmitten einer immer respektloser und emotionsgeladener werdenden Brexit-Debatte, in der weniger auf Argumente gesetzt als vielmehr mit Ängsten gespielt wird, innehalten. Gerade die Briten, die in Europa als Meister des Pragmatismus gelten, wurden kurz vor der folgenreichen Richtungsentscheidung vor den Kopf gestoßen. Noch suchen die Ermittler nach den Motiven des Mörders, der laut britischen Medienberichten Kontakte zu Neonazis gehabt haben soll.
Jenseits von kollektiven Schuldzuweisungen an bestimmte politische Lager ist aber eines klar: Wer in der politischen Auseinandersetzung Hass sät, wird Gewalt ernten. Wer auf eine Radikalisierung der Sprache und eine Spaltung der Gesellschaft setzt, spielt mit dem Feuer. Einem Feuer, das eine Gesellschaft zerstören kann – mit Folgen, die wir alle kennen. Auch Europa ist vor dem Abgrund nicht gefeit, die blutigen Kriege vor unserer Haustüre sollten Warnung genug sein. Deeskalation und Zurückhaltung sind das Gebot der Stunde, vor allem in der immer schärfer geführten Diskussion um die Zukunft der Europäischen Union. Einer Union, die nach dem Schrecken der Weltkriege dem alten Kontinent über Jahrzehnte Frieden, Stabilität und Wohlstand gebracht hat. Und einer Union, die in Zeiten der unaufhaltsam fortschreitenden Globalisierung und eines immer heftiger geführten globalen Wettkampfs – sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht – nicht nur auch Hemmnis sein kann, sondern vor allem Schutz und Möglichkeiten bietet. Einsam in der großen weiten Welt wird man schnell unter die Räder kommen – auch wenn so einige lokale Politiker das Gegenteil versprechen.
Die Briten haben Europa nie geliebt. Aber sie haben sich 1973 – nachdem sie es bereits vorher versucht hatten – dem Europäischen Wirtschaftsraum angeschlossen, um wirtschaftlich zu überleben. Sonst hätte schlicht und einfach die Pleite gedroht. Das britische Empire ist Geschichte, und es wird nicht mehr auferstehen. Sicher, die EU erscheint vielen als Hindernis und als blutleeres Bürokratiemonster, ohne Bezug zum Menschen. Doch wer die EU blutleer macht, sind die Mitgliedstaaten selbst. Die Briten müssen Europa nicht lieben, aber auf sich alleine gestellt kommt ein steiniger Weg auf sie zu.

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