Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 14. Juni 2016; Leitartikel von Floo Weißmann: "Das Massaker und seine Folgen"

Innsbruck (OTS) - Der Anschlag auf Homosexuelle mitten im US-Wahljahr kann die Dynamik des Wahlkampfs verändern.
Wachsen Angst und Verunsicherung, dann dürfte dies in die Hände von Donald Trump spielen.

Das Massaker von Orlando verstört schon alleine durch seine Dimension: Mit 50 Toten – inklusive Attentäter – überragt es auf tragische Weise die spektakulären Bluttaten, die sonst Schlagzeilen machen. Die politischen Folgen sind vorerst schwer einzuschätzen, weil sich verschiedene Themen überlagern.
Da ist erstens die stets wiederkehrende Waffendebatte. Auch diesmal verwendete der Attentäter ein legal erworbenes halbautomatisches Gewehr, das in der zivilen Welt nichts verloren hat. Genau diesen Typ Waffe wollen US-Präsident Barack Obama und seine Mitstreiter seit Jahren verbieten lassen – vergeblich. Und daran wird sich wohl auch dieses Mal wenig ändern. Denn die Waffenlobby hat die aktuelle Kongressmehrheit fest im Griff. Allerdings dürfte das Thema jetzt auch im Wahlkampf eine Rolle spielen, denn die Mehrheit der Amerikaner steht in dieser Frage hinter Obama.
Zweitens das Thema Jihadismus made in USA. Wie schon das Attentäterpaar im Herbst in San Bernardino soll sich auch der Schütze von Orlando im stillen Kämmerchen radikalisiert und dann ohne Abstimmung mit Terroristenführern angegriffen haben. Solche Täter bleiben am Radar des Sicherheitsapparats oft unsichtbar, und immer schwingt auch die unbequeme Frage mit, wie es mitten in Amerika dazu kommen konnte. Das erzeugt bei vielen Menschen Angst und Unsicherheit – also jene Währung, in der Donald Trump sein politisches Kapital angelegt hat. Die Schüsse von Orlando waren kaum verhallt, da hatte der designierte Präsidentschaftskandidat der Republikaner bereits generell Muslime sowie seine demokratische Kontrahentin Hillary Clinton als Gefahren ausgemacht.
Drittens das Thema Homophobie. Dabei geht es nicht allein um Homosexuelle, sondern auch um das Selbstverständnis von liberalen Gesellschaften und um das Recht und die Freiheit zu lieben, wen man möchte. Als im Vorjahr jihadistische Attentäter in der Redaktion des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo ein Blutbad anrichteten, sangen westliche Politiker ein Hohelied auf die Presse- und Meinungsfreiheit. Analog dazu müssten sie jetzt auch das Massaker in einem Schwulenklub als Angriff auf die Grundwerte unserer Gesellschaft verstehen. In den USA spielt dies gesellschaftspolitisch in die Hände der Demokraten.
Im amerikanischen Wahlkampf geht es ab sofort um die Deutungshoheit von Orlando. Trump mag davon profitieren; doch es ist keineswegs ausgemacht, dass seine Ausgrenzungspolitik sich am Ende durchsetzt gegen Clintons Parole „Zusammen sind wir stärker“.

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