TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 12.06.2016, Leitartikel von Carmen Baumgartner-Pötz: "Hinschauen und wachsam sein"

Innsbruck (OTS) - Gestern marschierten die Identitären durch Wien. Erwartungsgemäß kam es beim Aufeinandertreffen von Rechts- und Linksextremen zu Ausschreitungen und einem Polizeieinsatz, der noch für Diskussionen sorgen wird. Vergangenen Donnerstag attackierte eine Gruppe neuer Rechter eine Vorlesung an der Universität Klagenfurt, wenige Wochen nach ähnlichen Angriffen in Wien auf Uni und Burgtheater.
Die klassischen, alten Medien stellt das angeblich vor Probleme. Nicht wenige Kritiker befürchten, man tue den Identitären mit der Berichterstattung einen Riesengefallen und schreibe so eine vernachlässigbar kleine Spinnergruppe groß. In Zeiten von Social Media geht dieses Argument aber ins Leere. Zwar haben Medien immer noch eine Gatekeeping-Funktion: Sie entscheiden, worüber sie in welchem Ausmaß berichten. Auf Twitter und Facebook kann aber jeder in Echtzeit lesen, was passiert, freilich ungefiltert. Die neuen Rechtsextremen – und nichts anderes sind die Identitären – einfach zu ignorieren, kann also kein wirksames Rezept sein. Nur Kleinkinder glauben, die Welt um sie herum wird unsichtbar, wenn sie sich die Augen zuhalten.
Journalisten müssen also mehr denn je einordnen, angemessen berichten und gut aufpassen, nicht einfach Propaganda unkritisch zu übernehmen – schließlich sind das ihre ureigensten Aufgaben. Dass sich die Identitären einen intellektuellen Anstrich geben, sich bemühen, äußerlich nicht an alte Nazischläger zu erinnern, nicht von „Nation“, sondern von „Kultur“ reden, die beschützt werden müsse:
geschenkt. Im Verfassungsschutzbericht haben sowohl Rechts- als auch Linksextreme ihren Eintrag. Wie Polizei und Justiz mit beiden Lagern umgehen, verdient besondere Aufmerksamkeit.

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