• 24.05.2016, 16:30:01
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Umverteilung durch den Staat in Österreich

Wien (OTS) - Österreich weist wie die skandinavischen Länder,
Belgien, Frankreich und Italien aufgrund seiner hohen Staatsquoten
ein großes Umverteilungspotential des Staates aus. Die Abgabenquote
lag zwar 2010 mit 40,8% des BIP um 4,2 Prozentpunkte über dem
Durchschnitt der EU 15, die Umverteilung erfolgt aber vor allem über
die Ausgabenseite. Das zeigen aktuelle Analysen, die das WIFO soeben
publiziert hat.

Der Staat übt seine Umverteilungsfunktion in Österreich vor allem
über die Ausgabenseite aus. Durch die regressive Struktur der
indirekten Steuern und Sozialabgaben und das relativ niedrige Gewicht
der Steuern auf Einkommen und Vermögenserträge verteilt das
Abgabensystem nur in geringem Ausmaß um. Deutlich umverteilend wirken
dagegen die wohlfahrts- und sozialstaatlichen Leistungen der
öffentlichen Hand: Neben den Pensionen entfallen die sozialen Geld-
und Sachleistungen überwiegend auf die Bereiche Gesundheit, Bildung
und Familie und kommen damit allen Haushalten unabhängig von ihrem
Einkommen gleichermaßen zugute. Ihre relative Bedeutung für Haushalte
mit niedrigem Einkommen ist somit deutlich höher als für
einkommensstärkere Haushalte. Leistungen im Zusammenhang mit
Arbeitslosigkeit sowie die Sozialhilfe, die Wohnbeihilfe, das
Pflegegeld und einzelne Familienleistungen wie etwa das
Kinderbetreuungsgeld und die öffentliche
Kinderbetreuungsinfrastruktur werden aufgrund der stärkeren
Betroffenheit von Haushalten mit niedrigem Einkommen von diesen
überproportional in Anspruch genommen und stellen für sie einen
substanziellen Einkommensbestandteil dar.

Die Verteilung der Primäreinkommen (Markteinkommen und Pensionen)
wurde insbesondere in der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre deutlich
ungleicher, vor allem weil sich die Markteinkommen der
einkommensschwächsten Haushalte gegenüber 2005 stark verringerten,
während jene der einkommensstärkeren kräftig stiegen. Zudem erhöhte
sich der Anteil der Personen ohne Markt- oder Pensionseinkommen.

Die Zunahme der Ungleichheit in der Verteilung der Primäreinkommen
konnte durch die staatlichen Umverteilungsaktivitäten jedoch nicht
gänzlich ausgeglichen werden. Daher waren auch die Sekundäreinkommen
der privaten Haushalte (Primäreinkommen nach Abzug aller direkten und
indirekten Abgaben, zuzüglich aller monetären und realen öffentlichen
Transfers), die zwischen 2000 und 2005 noch relativ stabil geblieben
waren, 2010 ungleicher verteilt als Mitte der 2000er-Jahre.

Wie die Analysen des WIFO zeigen, steht das sozial- und
wohlfahrtsstaatliche System in Österreich vor neuen
Herausforderungen: Vor dem Hintergrund der zunehmend ungleichen
Markteinkommensverteilung erreicht das Transfersystem - mit
überwiegend universellen Sachleistungen und Geldleistungen, die von
der Erwerbsbeteiligung abhängen und nach dem Versicherungsprinzip
organisiert sind - Haushalte am unteren Ende der Einkommensverteilung
nicht mehr im gleichen Ausmaß wie Anfang der 2000er-Jahre.
Öffentliche Leistungen (insbesondere monetäre Transfers und
öffentliche Bildungs- und Betreuungsdienstleistungen), die speziell
ärmeren Haushalten zugute kommen, gewinnen demnach an Bedeutung.

Ein weiteres Ergebnis der Analyse ist, dass unter Berücksichtigung
der neuen Datenquellen und unter Einbeziehung der Vermögenseinkommen
die Markteinkommen noch wesentlich ungleicher verteilt sind, als sich
dies gemäß den bisher verwendeten Daten und Methoden
(Befragungsdaten, Nicht-Selbständigenhaushalte) bisher dargestellt
hatte. Dies stellt in Hinblick auf die Einkommensverteilung die
Struktur des Abgabensystems mit seiner starken Kopplung von
Sozialabgaben an den Faktor Arbeit in Frage.

Die effektive Belastung der einzelnen Steuerbasen ist für die
privaten Haushalte je nach Einkommensart sehr unterschiedlich:
Während der effektive Abgabensatz auf Unselbständigeneinkommen 2010
im Durchschnitt aller Haushalte gut 43% betrug (effektive
durchschnittliche Lohnsteuerleistung 11%, effektiver
Sozialabgabensatz 32%), lag der durchschnittliche effektive
Steuersatz auf Einkünfte aus Zinsen und Dividenden bei 25% und jener
auf die Erträge aus Vermietung und Verpachtung bei 21%.

Letztlich ist die Zunahme der Ungleichheit in der Verteilung der
verfügbaren Einkommen in erster Linie das Ergebnis einer schwachen
Arbeitsmarktentwicklung, der teilweise geringen Entlohnung in den
Bereichen mit steigenden Beschäftigungszahlen sowie des ungenügenden
Angebotes an sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen.
Allerdings nehmen auch die konkrete Ausgestaltung der Bildungspolitik
sowie die Struktur der Steuern und Sozialabgaben über vielfältige
Kanäle wesentlich Einfluss auf die gegenwärtige und künftige
Verteilung der Markteinkommen.

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte den folgenden
WIFO-Publikationen:

Alois Guger, Silvia Rocha-Akis,
Umverteilung durch den Staat in Österreich,
WIFO-Monatsberichte, 2016, 89(5), S. 329-345,
http://monatsberichte.wifo.ac.at/58832

Silvia Rocha-Akis, Viktor Steiner, Christine Zulehner,
Verteilungswirkungen des österreichischen Steuer- und
Sozialabgabensystems 2007/2016,
WIFO-Monatsberichte, 2016, 89(5), S. 347-359,
http://monatsberichte.wifo.ac.at/58833

Silvia Rocha-Akis, Jürgen Bierbaumer-Polly, Martina Einsiedl, Alois
Guger, Michael Klien, Thomas Leoni, Hedwig Lutz, Christine Mayrhuber,

Umverteilung durch den Staat in Österreich,
im Auftrag von Bundeskanzleramt und Bundesministerium für Arbeit,
Soziales und Konsumentenschutz, mit finanzieller Unterstützung des
Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank,
Mai 2016, 302 Seiten, 100 €, Download 80 €:
http://www.wifo.ac.at/wwa/pubid/58820

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