TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 24. Mai 2015 von Michael Sprenger "Jenseits von links und rechts"

Innsbruck (OTS) - Alexander Van der Bellen wurde zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Der knappe Wahlausgang offenbart eine Polarisierung im Lande. Mit dem politischen Begriffspaar „links und rechts“ alleine ist dies aber nicht erklärbar.

Österreich, ein gespaltenes Land? Wenn es zu einer Stichwahl zweier Kandidaten kommt, ist ein knapper Wahlausgang nichts Ungewöhnliches und noch kein Ausdruck zweier unversöhnlicher Lager. Nur eine – zugegeben mehr als bloß theoretische – Antwort auf ein Gedankenspiel:
Bei einem knappen Wahlausgang zwischen Andreas Khol und Rudolf Hundstorfer hätte keiner von einem gespaltenen Land gesprochen. Aber es stand eben ein EU-skeptischer bis EU-feindlicher Rechtspopulist einem verkappten liberalen Wirtschaftsprofessor gegenüber, der nun weltweit zum ersten grünen Staatsoberhaupt gewählt wurde. 30.000 Stimmen mehr für Alexander Van der Bellen verändern mitunter also den Blick des Auslands auf Österreich und bestimmen so die künftige Rolle Österreichs in der EU und in der Welt. Aber es änderte nichts an der vorherrschenden Polarisierung im Lande. Diese hat zwar auch mit den beiden Kandidaten zu tun, das würde aber als Erklärung zu kurz greifen. Mit dem herkömmlichen politischen Gegensatzpaar links und rechts allein ist dies nicht erklärbar. Es wird doch keiner behaupten wollen, dass alle Wähler von Van der Bellen links sind. Aber sie sind nicht so anfällig für jene Ängste gewesen, die von blauer Seite geschürt worden sind. Sie sind sensibler, wenn mit nationalistischem Gedankengut operiert wird. Sie haben trotz aller Kritik eine positive Sicht auf die Europäische Union. Sie sind in ihrer Alltagsrealität nicht mit Jobverlust und Abstiegsängsten konfrontiert. Für diese Wähler, die Van der Bellen angekreuzt haben, bricht die Welt nicht zusammen, wenn einmal die Waschmaschine kaputt wird, weil sie dann nicht mehr wissen, wie sie mit ihrem Geld auskommen sollen.
Diese Wahl ist also auch mit einem gesellschaftlichen Unten und Oben zu erklären. Die Abwanderung aus Regionen, wo es keine Industrie, keinen Tourismus, keine Perspektive gibt, nährt dort eine Zukunftsangst. Zudem gibt es genügend Menschen aus den unteren Bildungsschichten, die längst unsicheren Zeiten entgegenblicken. Sie sehen sich als Verlierer, fühlen sich alleine gelassen, insbesondere von der Elite des Landes. Das weiß die FPÖ. Sie nennt daher die Elite nur mehr abschätzig „das System“, um die Wut von denen da unten aufzuladen. Aufgabe der neuen Regierung und des neuen Bundespräsidenten muss es nun sein, diese Wut in Hoffnung umzuwandeln, um so Gegensätze abzubauen.

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