TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 20. Mai 2016 von Carmen Baumgartner-Pötz - Kampfansage an die Angstmacher

Innsbruck (OTS) - Bundeskanzler Christian Kerns (SPÖ) Antrittsrede im Parlament muss der FPÖ Bauchweh bereiten. Denn der neue Regierungschef will einer destruktiven Politik keine Chance lassen.

Yes, we Kern“, raunten sich die Fans im Parlament gestern zu. Denn der neue Bundeskanzler enttäuschte die hochgeschraubten Erwartungen an ihn nicht: Seine Antrittsrede im Nationalrat war der Austria Presseagentur eine eigene Meldung mit den besten Zitaten wert. Jedes für sich ein Treffer in die politikverdrossenen Herzen der Menschen, die sich in den letzten Jahren frustriert von dem Koalitionstrauerspiel abgewandt hatten: „Menschen brennen nicht für Kompromisse, sie brennen für Grundsätze und Haltungen“, war so ein Satz, der für spontanen Zwischenapplaus im Plenum sorgte. Auch als Christian Kern betonte, „wir wollen die Hoffnung nähren und nicht die Sorgen und Ängste der Menschen“, erntete er Beifall von allen Fraktionen – außer von der FPÖ.
Warum wohl? „Sorgen und Ängste“ sind das Spezialgebiet der Blauen. Damit und mit der schwachen Performance der Regierungsparteien über Jahre hinweg konnten sie gefühlt unzählige Wahlen gewinnen und die rot-schwarze Koalition vor sich hertreiben. Opposition kann die FPÖ hervorragend – doch wenn es Kern im Zusammenspiel mit einer ebenfalls geläuterten ÖVP gelingt, seine bisher noch vage skizzierten Visionen umzusetzen, könnte er damit Heinz-Christian Strache die Arbeitsgrundlage entziehen. Und dann war es das mit den Kanzlerambitionen des Langzeit-FPÖ-Chefs. Immerhin 10 Jahre schon gibt Strache den Anführer der enttäuschten Wutbürger, füllt Bierzelte, Hallen und Plätze und brüllt sich in Wahlkämpfen heiser. Das macht auf die Dauer ein bisschen müde, da nützt auch das jugendliche Image nichts.
Christian Kern ist wohl das Schlimmste, was Strache passieren konnte, denn neben ihm sieht er plötzlich wie ein gealterter Berufspolitiker aus. Kern hingegen umgibt noch der Glanz des unverbrauchten Neueinsteigers, der dem FPÖ-Chef anders begegnen kann als sein Vorgänger. Zwar ist Werner Faymann letztendlich auch über seine Abgrenzung zu den Freiheitlichen gefallen, doch seine Bilanz war vor allem geprägt durch Armut an Visionen. Gerade an die glaubt aber Kern und drehte gestern einen alten Vranitzky-Sager um: „Im Jahr 2016 bedeutet keine Visionen haben, dass derjenige, der keine Visionen hat, tatsächlich einen Arzt braucht.“
Große Reden halten kann er definitiv, der neue Bundeskanzler. Man darf gespannt sein, wie sein Reformpaket für das Land ausfällt. Er sollte es bald vorlegen und seinen Anfangszau-
ber nützen.

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