Ludwig: Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus aus der Neutorgasse 15

"Halten wir alle die Erinnerung an die grausame Zeit wach!"

Wien (OTS) - Unter Anwesenheit der Botschafterin Israels, von Vertreterinnen und Vertretern der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und der Stadt Wien wurde in der Neutorgasse 15 im ersten Wiener Gemeindebezirk am Mittwoch eine Tafel zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus feierlich enthüllt. Auf Bitte von Christine Spiess, Projektleiterin der Stadt Wien für die Seestadt Aspern, hatte der Nationalfonds ein Dossier über das Schicksal der Bewohnerinnen und Bewohner der Neutorgasse 15 zwischen 1938 und 1945 erstellt. Die Recherchen schafften traurige Gewissheit darüber, dass viele von ihnen in Konzentrationslager deportiert und ermordet worden waren.
"Halten wir alle die Erinnerung an diese grausame Zeit wach!", betonte Wohnbaustadtrat Michael Ludwig bei der Enthüllung. Er hob in diesem Zusammenhang die aktive Bildungsarbeit der Stadt Wien hervor. Auch sei es – unter der Federführung von Bürgermeister Michael Häupl - gelungen, den 8. Mai, einen Freudentag, in der öffentlichen und medialen Wahrnehmung den trauernden Ewiggestrigen wieder zu entreißen“. Gleichzeitig warnte Ludwig vor weiterhin aktiven rechtsradikalen Gruppen, die fremdenfeindlichen Hass verbreiten.
Die Ergebnisse der Nachforschungen, die unter Mithilfe des Archivs der IKG und anderer Archive erstellt werden konnten, zeigen die Einrichtung so genannter Sammelwohnungen in der Neutorgasse 15 zwischen 1939 und 1943. Von den damals 39 gemeldeten Menschen, die nach den Nürnberger Rassengesetzen als jüdisch galten, wurden 27 zwischen Oktober 1941 und Oktober 1942 direkt in Ghettos und Konzentrationslager deportiert. Weitere fünf Personen wurden in andere Sammelwohnungen bzw. in jüdische Altersheime delogiert und zu einem späteren Zeitpunkt in verschiedenen Konzentrationslagern ermordet. Sechs Menschen starben noch in Wien. Nur eine einzige Bewohnerin überlebte den Holocaust.
Die Gewissheit über die tragischen Vorkommnisse veranlasste die Stadt Wien, die Namen der Opfer mit einer Gedenktafel im Haus zu dokumentieren. Bis 2011 rankten sich viele Gerüchte um die Geschichte der Bewohnerinnen und Bewohner in der Zeit des Nationalsozialismus. Ein Dialog mit einem Historiker führte zu ersten konkreten Recherchen, die auf der Website lettertothestars.at veröffentlicht wurden. Sie bildeten den Ausgangspunkt für die weitere historische Aufarbeitung.

Die Neutorgasse 15 gestern und heute

Das schräg gegenüber dem denkmalgeschützten Palais Hansen gelegene Gebäude wurde 1870 von dem mit Theophil Hansen befreundeten Architekten Karl Tietz – damals ein sehr beschäftigter Ringstraßenarchitekt – im klassischen Ringstraßenstil erbaut. Das Gebäude wurde als gehobenes Mietshaus konzipiert und weist vor allem in der Beletage eine Vielzahl denkmalgeschützter Inneneinrichtungselemente auf, die vom Historismus über frühen und späten Jugendstil reichen.
Das Haus kam 1905 in den Besitz der jüdischen Familie Tintner und beherbergte neben Wohnungen auch die Büros von zwei Firmen – einer Schafwollwarenfabrik und einer Gemischtwaren-Großhandlung von Rudolf Böhmer, dessen Schuh-Großhandel in Wien 1938 „arisiert“ wurde. Nach 1945 verkauften die Erben von Margit Tintner die Liegenschaft sukzessive. Nach weiteren Eigentümerwechseln erwarb die Stadt Wien Mitte der 1970er Jahre die Liegenschaft.
Die Stadt Wien nutzt den Standort Neutorgasse 15 seit November 1974 als Amtshaus. Derzeit agieren hier neben der Projektleitung Seestadt Aspern auch das Menschenrechtsbüro der Stadt Wien, Einheiten der Magistratsabteilungen 26 und 34 sowie die Gruppe Magistratische Bezirksämter und Fahrservice der Magistratsdirektion. (Schluss)

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