Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 26. April 2016; Leitartikel von Wolfgang Sablatnig: "Gut gegen böse, heimattreu gegen naiv"

Innsbruck (OTS) - Viele Menschen wünschen sich den Bundespräsidenten als Brückenbauer. FPÖ und Grüne werden die Stichwahl dennoch zu einem Lager-Wahlkampf stilisieren, der nicht nur entlang der Parteigrenzen geführt wird.

Bei den Siegern war gestern Durchschnaufen angesagt. Die Kandidaten für die Hofburg-Stichwahl werden bis zum 22. Mai noch viel Kraft brauchen. Vor ihnen und dem ganzen Land steht ein intensiver Lager-Wahlkampf. Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen repräsentieren nicht nur zwei Parteien; sie stehen für unvereinbare Weltanschauungen und Lebensstile. Es wird viel über die Befindlichkeiten im Land aussagen, wer am Ende in die Wiener Hofburg einzieht.
Hofer sieht sich selbst als Kämpfer für ein Österreich, das seinen Wohlstand und seinen Charakter dadurch zu erhalten versucht, dass es sich nach außen abschließt. Fremde Menschen, fremde Kulturen, fremde Religionen – alles eine Gefahr, ebenso die EU.
Van der Bellen hingegen will für ein weltoffenes Land stehen, ohne Grenzen und Abschottung, das Fremde als Chance und Bereicherung begreifend. Van der Bellen steht auch klar für die österreichische Integration in Europa.
Hofer spricht Männer an, Menschen ohne Matura, Arbeiter. Van der Bellen hingegen punktet stärker bei Frauen und Angestellten sowie den jüngeren Wählerinnen und Wählern – so hat es der Meinungsforscher Peter Hajek erhoben.
Das blau-grüne Duell verspricht eine verschärfte Version der traditionellen Lagergrenzen. Rot und Schwarz, gewohnt, an den Schalthebeln zu sitzen, sind dabei bestenfalls Beifahrer. Oder gar nur Zuschauer – wie die ÖVP, die keine Wahlempfehlung abgeben will. Aber welche Empfehlung sollte die ÖVP auch abgeben? Viele Schwarze wollen sich die Blauen als Alternative zur SPÖ offenhalten, aber nur wenige sprechen es wirklich aus.
Aber auch in der SPÖ gehen die Meinungen auseinander. Beschlusslage ist das Nein zur FPÖ. In Teilen Wiens und im Burgenland gibt es aber Genossen, die lieber mit als gegen die Blauen arbeiten würden.
Viele Menschen wünschen sich den Bundespräsidenten als Brückenbauer und verbindendes Element. Blau und Grün werden die Stichwahl um die Hofburg dennoch zur Auseinandersetzung stilisieren, zwischen Gut und Böse, zwischen den Heimat- und Österreich-Treuen und der Willkommenskultur. Wie schnell in der Zuspitzung die Gräben zwischen den Parteien aufreißen, haben wir zuletzt unter Schwarz-Blau erlebt.
Rot und Schwarz, nach dem Fiasko vom Sonntag ohnehin zutiefst verunsichert, drohen dadurch noch weiter in die Krise zu rutschen.

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