TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 12.04.2016, Leitartikel von Christiane Fasching: "Über Humor muss sich streiten lassen"

Insbruck (OTS) - Was darf Satire? Was muss Satire? Was ist Satire? Und wo ist Jan Böhmermann? Der TV-Satiriker ist seit ein paar Tagen untergetaucht – mit der wuchtigen Reaktion auf seine an den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan adressierte „Schmähkritik“ hat er dann wohl doch nicht gerechnet. Eineinhalb Wochen ist’s her, dass Böhmermann in seiner ZDF-Sendung „Neo Magazin Royale“ derbe Verse über Erdogan verlas – und ihn darin unter anderem als „Ziegenficker“ diffamierte. Verboten böse, verboten tief – das 35-jährige TV-Rumpelstilzchen weiß eben, wie man „die Medienrepublik in Aufruhr versetzt“. Mit dieser Begründung wurde ihm vergangenen Freitag der Grimme-Preis verliehen – als Würdigung seiner vielschichtigen „Varoufake“-Aktion, mit der er im Vorjahr für Aufsehen gesorgt hatte. Damals hatte Böhmermann behauptet, ein Video des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis manipuliert zu haben – bis sich herausstellte, dass Varoufakis’ viel diskutierter Stinkefinger doch echt war. Aber war es auch richtig, sich derartig über diesen Fingerzeig zu echauffieren? Genau hier liegt Böhmermanns Stärke: Er löst Diskussionen aus und zwingt einen geradezu, das Hirnkastl, dessen Inhalt vor dem Narrenkastl immer wabbriger wird, auch einmal wieder einzuschalten. Dabei liefert er keine Wahrheiten – er demonstriert vielmehr, dass es verschiedene Antworten auf eine Frage gibt. Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß, sie ist farbig, auch dank bunter Figuren wie Böhmermann, der nun in der Bredouille steckt. Wegen der Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes könnte ihm ein Strafverfahren drohen, im schlimmsten Fall – der laut Experten nicht eintreten wird – wären sogar bis zu fünf Jahre Haft möglich. Die Böhmermann-Affäre zeigt: Mit der türkischen Regierung ist nicht zu spaßen. Schon als die NDR-Satiresendung „extra 3“ Erdogan durch den Kakao zog, fühlte sich die Politik bemüßigt, staatstragend beleidigt zu spielen. Und lockte damit Böhmermann aus der Reserve. Über die Qualität seiner provokanten „Schmähkritik“ lässt sich streiten. Aber es lässt sich doch auch über die Politik eines Landes streiten, in dem Presse- und Meinungsfreiheit nicht ernst genommen werden und Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung stehen. Wir leben in einer Welt, in der es erlaubt ist, ungestraft über Politik und Humor zu diskutieren. Sollte es nun dazu kommen, dass Böhmermann bestraft wird, weil er mutig genug war, nach oben zu treten, wäre das ein schlechter Witz.

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