Wien und Niederösterreich: Die „natürlichen“ Feinde der Ziesel

Nach Protesten in Wien fordert Wiener Tierschutzverein endlich Maßnahmen. Land Niederösterreich stellt indes Mittel für Zieselschutz ein - WTV wird EU-Kommission einschalten.

Vösendorf (OTS) - Die Ziesel sind aktuell wohl eines der traurigsten Beispiele, wie mit Artenschutz in unserem Lande umgegangen wird. Gerade in Wien und Niederösterreich ist die Situation der streng geschützten Nager (sie belegen Platz Eins der roten Liste der gefährdetsten Tierarten Österreichs) besonders schlimm.

In Wien sind es Bagger und andere Baumaschinen, die den Zieselbestand bedrohen. So setzen sich der Wiener Tierschutzverein (WTV) und die Bürgerinitiative IGL Marchfeldkanal seit 2011 für die Erhaltung einer der größten Ziesel-Populationen Österreichs beim Wiener Heeresspital im 21. Bezirk ein. Wie berichtet, wollen die Bauträger Kabelwerk, Donaucity, Familienwohnbau und Sozialbau just auf diesem Areal rund 1000 Wohnungen errichten. Trotz fehlgeschlagenen Umsiedelungsplänen und massiven Einwänden der EU-Kommission wurden durch einen neuen Bescheid der MA 22 (Wiener Umweltschutzabteilung) vor kurzen auf einem Teil des besagten Areals Vorarbeiten genehmigt. „Jedoch brachten weder die absichtliche Verbuschung weiter Teile der Projektfläche noch eine eigene Zieselbrücke nennenswerte Erfolge. Ganz im Gegenteil, die quartalsweisen Berichte der ökologischen Bauaufsicht bestätigen gar ein Anwachsen der Population auf der Baufläche“, sagt Lukas Mroz von der IGL Marchfeldkanal.

Aus diesem Grund wurde am gestrigen Sonntag erneut zu einem Großprotest auf besagtem Gelände aufgerufen, an dem über 450 Personen teilnahmen. Die Forderung des WTV und der IGL Marchfeldkanal hat sich nicht geändert: Die Bereitstellung einer Ausgleichsfläche für das Bauvorhaben. Trotz Baulandreserven in Höhe von über zwei Millionen Quadratmetern kommt diese Option für die Stadt Wien und die zuständige Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22) nach wie vor nicht in Frage.

Rational nicht erklärbar

„Was hier droht ist rational nicht zu erklären. Die Ziesel stehen an der Spitze der gefährdeten Arten Österreichs und ihr Überleben ist schon sehr fraglich geworden. Auf diesem Gelände gäbe es eine letzte Möglichkeit, einen lebensfähigen und vitalen Zieselbestand zu sichern und zu retten. Aber hierzulande ist es anscheinend so, dass die geschützten Arten und die Rechtsordnung nichts mehr zählen. Was hier passiert, ist nicht nur im Sinne des EU-Rechts, sondern auch im Sinne des österreichischen Rechts rechtswidrig. Es kann nicht angehen, dass Regierende und in weiterer Folge Verwaltungsorgane beurteilen, welche geltenden Normen sie für wichtig halten und welche sie zu brechen gedenken, weil sie weniger wichtig finden“, so WTV-Präsidentin Madeleine Petrovic, die hier auch an die Argumentation von Wiens Bürgermeister Michael Häupl erinnert, der jüngst meinte, Wohnraum für Menschen sei wichtiger als Ziesel.

„Ich glaube schon, dass die Beamtinnen und Beamten der Behörde hier unter gewaltigem Druck stehen. Nur gibt es eine Grenze, bis wohin öffentlich Bedienstete eine Weisung zu befolgen haben, nämlich bis zur Strafrechtswidrigkeit, die genau hier vorliegt“, so Petrovic. Denn hier passieren vorsätzliche Eingriffe in den Tier- und Pflanzenbestand. „Diese Ziesel dürfen eigentlich laut europäischem und österreichischem Umweltrecht nicht einmal gestört, geschweige denn vertrieben oder existenziell bedroht werden“, so die WTV-Präsidentin weiter.

Appell an die Behörde

Wenn es in weiterer Folge zu Rechtsverfahren in dieser Causa kommen sollte, würden laut Petrovic nicht die politisch Verantwortlichen vor dem Strafrichter stehen, sondern die öffentlich Bediensteten Rede und Antwort stehen müssen, warum sie sich nicht an das Gesetz gehalten hätten, sondern den Millionen der Baufirmen den Vorrang gegeben haben. Dafür gäbe es keinen rechtlichen Grund. „Ich appelliere daher sehr an alle Verantwortlichen in der Stadt. Noch sind die Ziesel da und wir haben die Chance zu einer Konsens-Lösung zu kommen und die Rohbauten anderswo zu errichten. Gerade bei so einem einzigartigen Vorkommen sollte es nicht am Geld scheitern“, sagt Petrovic.

Ohne Schonung

Das mindeste, was nun nach den gestrigen Protesten von den Verantwortlichen erwartet werde, sei daher eine Nachdenkpause und keine weiteren Arbeiten am Gelände. „Sollte dies nicht erfolgen, so wird eine rechtliche Auseinandersetzung ohne Schonung geführt werden. Denn es ist alles andere als eindeutig, dass die Stadt Wien und die Bauträger im Recht sind“, so Petrovic.

Niederösterreich: Kein Geld für Ziesel

Auch in Niederösterreich wird die Situation der Ziesel immer dramatischer: Wie der Naturschutzbund NÖ meldet, wurden im Jahr 2015 bei 94 Vorkommen nur knapp 700 Tiere gezählt. Bei acht bisherigen Vorkommen wurden gar keine Ziesel mehr angetroffen. Für den Naturschutzbund ein besorgniserregender Zustand, für das Land Niederösterreich wohl eher nicht. Denn wie kürzlich verlautbart wurde, wird das Zieselprojekt ab Anfang Mai vom Land nicht mehr finanziell unterstützt. „Eine völlig unverständliche Ankündigung. Denn laut EU-Richtlinie ist Niederösterreich dazu verpflichtet, für den Artenschutz Sorge zu tragen. Der WTV wird umgehend die EU-Kommission darüber informieren“, so Petrovic abschließend.

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