Prognose für 2016 und 2017: Konsum gleicht Exportabschwächung in Österreich aus

Wien (OTS) - Die Schwäche der Weltwirtschaft dämpft vorübergehend das Exportwachstum in Österreich. Allerdings steigen die Konsumausgaben der privaten und öffentlichen Haushalte 2016 und 2017 kräftig und stützen so die Konjunktur. Das Bruttoinlandsprodukt wird in beiden Jahren um 1,6% wachsen.

Im Jahr 2015 wuchs die Wirtschaft in Österreich nur wenig. Mit +0,9% nahm das Bruttoinlandsprodukt das vierte Jahr in Folge gegenüber dem Vorjahr um weniger als 1% zu. Zwar zogen die Ausrüstungsinvestitionen an, und auch vom Außenhandel kamen merkliche Impulse. Die privaten Konsumausgaben erhöhten sich hingegen wegen der hohen Arbeitslosigkeit und einer schwachen Einkommensentwicklung nur wenig.

Die Konjunktur beschleunigte sich im Jahresverlauf kaum, die Wirtschaftsleistung stieg im IV. Quartal gleich stark wie in den zwei Quartalen davor. Die Dynamik der einzelnen Nachfragekomponenten änderte sich jedoch: Während sich das Exportwachstum im Sog der internationalen Konjunkturverflachung abschwächte und auch die Investitionen geringfügig an Schwung verloren, nahmen der private und der öffentliche Konsum etwas stärker zu. Hier schlugen sich bereits die Ausgaben für die Betreuung und Versorgung von Flüchtlingen nieder, deren Zahl im Laufe des Jahres 2015 stark gestiegen war.

Die schwache Grunddynamik der Konjunktur dürfte im 1. Halbjahr 2016 anhalten. Die Unternehmen in der Sachgütererzeugung schätzten ihre Auftragslage und ihre künftige Geschäftslage zuletzt merklich schlechter ein. Dennoch dürfte die österreichische Wirtschaft 2016 und 2017 kräftiger wachsen als im Vorjahr. Dazu trägt insbesondere die Erhöhung der Ausgaben für die Betreuung und Grundversorgung von Flüchtlingen sowie für die bedarfsorientierte Mindestsicherung bei, die eine deutliche Steigerung des privaten und öffentlichen Konsums nach sich zieht. Die Steuerreform, die Anfang 2016 in Kraft trat, entlastet die Einkommen der privaten Haushalte und erhöht die Konsumausgaben ebenfalls, auch wenn dieser Effekt durch die Gegenfinanzierungsmaßnahmen abgeschwächt wird. Da die Zahl der Asylanträge 2016 voraussichtlich unter der von 2015 liegen wird, wird das Wachstum der Konsumausgaben 2017 wieder geringer ausfallen. Auch die Steuerreform liefert dann keine zusätzlichen Impulse mehr.

Das außenwirtschaftliche Umfeld dürfte im Jahresverlauf wieder an Dynamik gewinnen. In den USA bleibt die Konjunktur robust, und im Euro-Raum setzt sich die zögerliche Erholung der Wirtschaft fort. Zudem dürften die Rohstoffpreise die Talsohle bereits durchlaufen haben, sodass sich die Aussichten für die Schwellenländer allmählich wieder bessern. Die österreichischen Exporte dürften demnach 2017 wieder kräftiger zunehmen. Die Investitionskonjunktur bleibt robust:
Die Nachfrage nach Ausrüstungsgütern und sonstigen Anlagen nimmt im Prognosezeitraum beträchtlich zu. Die Bauwirtschaft entwickelt sich hingegen weiter verhalten. Insgesamt wird das Bruttoinlandsprodukt 2016 und 2017 gegenüber dem Vorjahr um jeweils 1,6% wachsen.

Übersicht 1: Hauptergebnisse der Prognose - auf der WIFO-Website
(http://www.wifo.ac.at/wwa/pubid/58744)

Die Zahl der Beschäftigten steigt auch im Prognosezeitraum deutlich. Zugleich erhöhen die Ausweitung der Erwerbsbevölkerung, u. a. bedingt durch die Flüchtlingsmigration, sowie der Anstieg des Pensionsantrittsalters und der Frauenbeschäftigungsquote das Arbeitskräfteangebot. Die Zahl der Arbeitslosen nimmt daher weiter zu. 2016 dürfte die Arbeitslosenquote auf 9,5% und 2017 auf 9,8% steigen.

Der dämpfende Effekt der Rohölverbilligung auf die Inflation dürfte bis Ende 2016 auslaufen. Zudem werden 2016 die Maßnahmen der Steuerreform preiswirksam. Von der Einkommensentwicklung dürfte aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit wenig Druck auf die Inflation ausgehen. Das WIFO rechnet mit einem Anstieg der Verbraucherpreise von 1,2% 2016 und 1,8% 2017.

Die öffentlichen Haushalte werden auch im Prognosezeitraum noch durch die Bankenhilfen belastet, wenngleich ein deutlich geringeres Ausmaß als in den Vorjahren erwartet wird. Hinzu kommen die Ausgaben für die Betreuung und Versorgung von Flüchtlingen. Die Steuerreform zieht einen merklichen Rückgang des Lohn- und Einkommensteueraufkommens nach sich, der allerdings durch die gleichzeitig beschlossenen einnahmen- und ausgabenseitigen Gegenfinanzierungsmaßnahmen ausgeglichen werden soll. Den Belastungen steht eine günstige Entwicklung der Steuereinnahmen sowie der Pensions- und Zinsausgaben im Jahr 2015 gegenüber. Nach einem deutlichen Rückgang des Maastricht-Defizits auf 1,4% des Bruttoinlandsproduktes 2015 (2014: 2,7%) rechnet das WIFO mit einem Anstieg auf 1,7% 2016 und einem Rückgang auf 1,5% 2017.

Methodische Hinweise und Kurzglossar

Periodenvergleiche

Zeitreihenvergleiche gegenüber der Vorperiode, z. B. dem Vorquartal, werden um jahreszeitlich bedingte Effekte bereinigt. Dies schließt auch die Effekte ein, die durch eine unterschiedliche Zahl von Arbeitstagen in der Periode ausgelöst werden (etwa Ostern). Im Gegensatz zu den an Eurostat gelieferten und auch von Statistik Austria veröffentlichten "saison- und arbeitstägig bereinigten Veränderungen" der vierteljährlichen BIP-Daten bereinigt das WIFO diese zusätzlich um irreguläre Schwankungen. Diese als Trend-Konjunktur-Komponente bezeichneten Werte weisen einen ruhigeren Verlauf auf und machen Veränderungen des Konjunkturverlaufes besser interpretierbar.

Die Formulierung "veränderte sich gegenüber dem Vorjahr . . ." beschreibt hingegen eine Veränderung gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres und bezieht sich auf unbereinigte Zeitreihen.

Die Analyse der saison- und arbeitstägig bereinigten Entwicklung liefert genauere Informationen über den aktuellen Konjunkturverlauf und zeigt Wendepunkte früher an. Die Daten unterliegen allerdings zusätzlichen Revisionen, da die Saisonbereinigung auf statistischen Methoden beruht.

Wachstumsüberhang

Der Wachstumsüberhang bezeichnet den Effekt der Dynamik im unterjährigen Verlauf (in saisonbereinigten Zahlen) des vorangegangenen Jahres (t0) auf die Veränderungsrate des Folgejahres (t1). Er ist definiert als die Jahresveränderungsrate des Jahres t1, wenn das BIP im Jahr t1 auf dem Niveau des IV. Quartals des Jahres t0 (in saisonbereinigten Zahlen) bleibt.

Durchschnittliche Veränderungsraten

Die Zeitangabe bezieht sich auf Anfangs- und Endwert der Berechnungsperiode: Demnach beinhaltet die durchschnittliche Rate 2005/2010 als 1. Veränderungsrate jene von 2005 auf 2006, als letzte jene von 2009 auf 2010.

Reale und nominelle Größen

Die ausgewiesenen Werte sind grundsätzlich real, also um Preiseffekte bereinigt, zu verstehen. Werden Werte nominell ausgewiesen (z. B. Außenhandelsstatistik), so wird dies eigens angeführt.

Produzierender Bereich

Diese Abgrenzung schließt die NACE-2008-Abschnitte B, C und D (Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden, Herstellung von Waren, Energieversorgung) ein und wird hier im internationalen Vergleich verwendet.

Inflation, VPI und HVPI

Die Inflationsrate misst die Veränderung der Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahr. Der Verbraucherpreisindex (VPI) ist ein Maßstab für die nationale Inflation. Der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) ist die Grundlage für die vergleichbare Messung der Inflation in der EU und für die Bewertung der Preisstabilität innerhalb der Euro-Zone ( siehe auch http://www.statistik.at/ ).

Die Kerninflation als Indikator der Geldpolitik ist nicht eindeutig definiert. Das WIFO folgt der gängigen Praxis, für die Kerninflation die Inflationsrate ohne die Gütergruppen unverarbeitete Nahrungsmittel und Energie zu verwenden. So werden knapp 87% der im österreichischen Warenkorb für den Verbraucherpreisindex (VPI 2010) enthaltenen Güter und Dienstleistungen in die Berechnung der Kerninflation einbezogen.

WIFO-Konjunkturtest und WIFO-Investitionstest

Der WIFO-Konjunkturtest ist eine monatliche Befragung von rund 1.500 österreichischen Unternehmen zur Einschätzung ihrer aktuellen und künftigen wirtschaftlichen Lage. Der WIFO-Investitionstest ist eine halbjährliche Befragung von Unternehmen zu ihrer Investitionstätigkeit ( http://www.konjunkturtest.at/ ). Die Indikatoren sind Salden zwischen dem Anteil der positiven und jenem der negativen Meldungen an der Gesamtzahl der befragten Unternehmen.

Arbeitslosenquote

Österreichische Definition: Anteil der zur Arbeitsvermittlung registrierten Personen am Arbeitskräfteangebot der Unselbständigen. Das Arbeitskräfteangebot ist die Summe aus Arbeitslosenbestand und unselbständig Beschäftigten (gemessen in Standardbeschäftigungsverhältnissen). Datenbasis: Registrierungen bei AMS und Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.

Definition gemäß ILO und Eurostat: Als arbeitslos gelten Personen, die nicht erwerbstätig sind und aktiv einen Arbeitsplatz suchen. Als erwerbstätig zählt, wer in der Referenzwoche mindestens 1 Stunde selbständig oder unselbständig gearbeitet hat. Personen, die Kinderbetreuungsgeld beziehen, und Lehrlinge zählen zu den Erwerbstätigen, nicht hingegen Präsenz- und Zivildiener. Die Arbeitslosenquote ist der Anteil der Arbeitslosen an allen Erwerbspersonen (Arbeitslose plus Erwerbstätige). Datenbasis:
Umfragedaten von privaten Haushalten (Mikrozensus).

Begriffe im Zusammenhang mit der österreichischen Definition der Arbeitslosenquote

Personen in Schulungen: Personen, die sich zum Stichtag in AMS-Schulungsmaßnahmen befinden. Für die Berechnung der Arbeitslosenquote wird ihre Zahl weder im Nenner noch im Zähler berücksichtigt.

Unselbständig aktiv Beschäftigte: Zu den "unselbständig Beschäftigten" zählen auch Personen, die Kinderbetreuungsgeld beziehen, sowie Präsenzdiener mit aufrechtem Beschäftigungsverhältnis. Zieht man deren Zahl ab, so erhält man die Zahl der "unselbständig aktiv Beschäftigten".

Rückfragen & Kontakt:

Rückfragen bitte am Donnerstag, dem 17. März 2016, ab 11 Uhr an Dr. Stefan Ederer, Tel. (1) 798 26 01/464, Stefan.Ederer@wifo.ac.at

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