Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 12. März 2016; Leitartikel von Christian Jentsch: "In der Ruhe liegt ihre Kraft"

Innsbruck (OTS) - Von der umjubelten „Mutti der Nation“ zur umstrittenen Kanzlerin in der Flüchtlingskrise: Angela Merkel musste zuletzt viel Kritik einstecken. Doch all jene, die ihr rasches politisches Ende beschwören, könnten sich gewaltig täuschen.

Zuletzt schien es um die deutsche Kanzlerin Angela Merkel recht einsam zu werden. Die Beliebtheitswerte der „Mutti der Nation“ sanken, Teile ihrer eigenen Partei rebellierten und die bayerische Schwesterpartei CSU verweigerte der CDU-Chefin die Gefolgschaft. Hinter vorgehaltener Hand munkelte so mancher bereits vom Kanzlersturz. Vom Sturz jener Kanzlerin, die bis vor Kurzem als unangefochten galt, die ihre politischen Konkurrenten mit Leichtigkeit an die Wand spielte, die Deutschland als Flaggschiff der europäischen Wirtschaft sicher durch die Krisen manövrierte, die stets auf die europäische Karte setzte und Alleingängen wenig abgewinnen konnte. Doch in der Flüchtlingspolitik wollten viele ihrem Kurs der offenen Türen nicht mehr folgen. Viele fühlen sich angesichts des Flüchtlingsandrangs schlicht überfordert und bedroht. Am Zenit ihrer Macht verspürte Merkel plötzlich Gegenwind. Wobei ein Deutschland ohne Merkel nur den wenigsten Deutschen in den Sinn kommt. Auch wenn Merkels Christdemokraten bei den drei Landtagswahlen am Sonntag wohl Stimmenverluste hinnehmen müssen, will Deutschlands Mitte ihre Mitte nicht verlieren.
Auch auf europäischer Ebene wurde es einsam um die deutsche Kanzlerin. Ihre früheren Freunde machten sich rar oder wandten sich von ihr ab. Auch jene, die in Zeiten der Schönwetterpolitik Merkels Windschatten suchten und Deutschlands Erfolge als die ihren verkauften, wechselten eilig die Fronten. Im politischen Tagesgeschäft werden die Partner eben schnell ausgetauscht.
Europa ist in der Flüchtlingskrise an seine Grenzen gestoßen und übt sich nun im Auseinanderdividieren. Die von der deutschen Kanzlerin eingeforderte gesamteuropäische Lösung stößt auf massive Ablehnung, die immer wieder beschworene Solidarität unter den Mitgliedsländern wurde längst zu Grabe getragen. Doch außer Deutschland scheint kein EU-Mitgliedsstaat auch nur im Entferntesten eine Führungsrolle in Europa übernehmen zu wollen oder zu können. Und ein zerrissener Kontinent bleibt im globalen Wettkampf ein Leichtgewicht. All jene, die sich nun eifrig im Merkel-Bashing üben und ihr baldiges Ende beschwören, eröffnen mit ihrer Politik nur wenig Zukunftspotenzial. Merkels Politik bietet genug Angriffsfläche, doch Frontalangriffe auf die deutsche Kanzlerin gehen ins Leere. Ihre politische Strahlkraft ist noch nicht erloschen. Denn in der Ruhe liegt ihre Kraft. Merkel könnte gar gestärkt aus der Krise hervorgehen.

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