ORF DialogForum „Ihr lügt doch alle“ – Zu Flucht und Qualitätsjournalismus

Wien (OTS) - Die Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Monate haben nicht nur die Glaubwürdigkeit der Politik erschüttert: Ebenso pauschale wie aggressive Kritik trifft die Medien, wenn es um die Berichterstattung zum Thema geht. Ist die Rede von der „Lügenpresse“ eine bewusste Hetze rechtspopulistischer Kampagnen oder stehen hinter dem objektivierbaren Vertrauensverlust der Medien auch Eigenfehler der Journalistinnen und Journalisten? Vernachlässigen sie die notwendige Distanz? Üben sie sich in Betroffenheitsjournalismus? Übertreiben sie die „Political Correctness“ zulasten objektiver und glaubwürdiger Berichterstattung? Diesen Fragen widmete sich das ORF-DialogForum am Mittwoch, dem 9. März 2016, um 19.30 Uhr im ORF RadioKulturhaus, das in Kooperation mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ veranstaltet wurde. Unter der Leitung von Klaus Unterberger, ORF-Public-Value-Kompetenzzentrum, diskutierten: Elias Bierdel, borderline-europe, Konrad Paul Liessmann, Universität Wien, Stefan Raue, MDR, Joachim Riedl, „Die Zeit“, Beate Winkler, CIVIS Medienstiftung, und Armin Wolf, ZiB 2 (ORF).

Konrad Paul Liessmann, Universitätsprofessor an der Universität Wien:
„Der Vertrauensverlust, den manche Medien bei ihren Lesern, Sehern, Hören spüren, ist reflexionsbedürftig. Er kann mit verschiedenen Faktoren zu tun haben, die dazu führen, dass die Menschen das Gefühl haben, dass die Inhalte, die in den Medien zu sehen, zu lesen, zu hören sind, mit ihrer Erfahrungswelt nicht mehr übereinstimmen.“

Stefan Raue, Chefredakteur MDR: „Es ist besonders wichtig, dass wir als Medienmacher die Lügenpresse-Diskussion, die viele Ungerechtigkeiten innehat und die natürlich politisch untersetzt ist, als Chance begreifen, um uns selber in unserer Rolle zu vergegenwärtigen und daraus auch die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.“

Beate Winkler, Mitglied im Kuratorium der CIVIS Medienstiftung: „Ganz entscheidend wird es jetzt darauf ankommen, ob wir Halt machen und uns mit der Dimension der Großkrise, in der wir stecken, auseinandersetzen, um dann in einem gemeinsamen öffentlichen Diskurs zu schauen, welche Zukunftsbilder wir brauchen, um unsere Gesellschaft wirklich gut, kreativ und innovativ weiterzuentwickeln.“

Joachim Riedl, Redakteur für „Die Zeit“: „Die Medien stehen bekanntermaßen derzeit sehr stark in der Kritik und vor der Herausforderung, ihr Rollenverständnis vollkommen neu zu überdenken, ohne aber gleichzeitig ihre gesellschaftliche Funktion, die sie traditionell innehaben, zu verlieren.“

Elias Bierdel, Gründungsmitglied und Vorstand der Organisation borderline-europe: „Was können die Medien tun, um Glaubwürdigkeit zu gewinnen? Zuerst brauchen wir einen beherzten Schritt in etwas Neues und Begeisterung, um den Wandel zu gestalten. Dafür braucht es Medien, die für Veränderung offen sind.“

Armin Wolf, Journalist und Moderator der „ZiB 2“: „Die Arbeit des Journalisten wird heute mehr denn je hinterfragt. Es reicht nicht mehr, gute Arbeit zu leisten und sie zu senden oder zu drucken. Wir Medienmacher müssen uns auch der öffentlichen Debatte stellen und erklären, was wir machen und warum. Ganz besonders im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.“

Der ORF widmete dem Thema nicht nur ein ORF-DialogForum im Wiener RadioKulturhaus, sondern auch eine wissenschaftliche Textsammlung. Im Rahmen seiner Public-Value-Schriftenreihe „Texte“ ist eine Auseinandersetzung mit dem Flüchtlingsthema entlang der Frage „Was soll, was muss, was kann Qualitätsjournalismus tun?“ erschienen. Auf 76 Seiten nehmen sich Fachleute aus der Zivilgesellschaft, aus Wissenschaft und Journalismus aus Ungarn, Deutschland, der Schweiz und Österreich unterschiedlichen Aspekten der Flüchtlingsthematik an.

Die Public-Value-Schriftenreihe „Flüchtlinge an den Grenzen, Terror in Paris, Übergriffe in Köln, Hassbotschaften im Internet: Was kann, was soll, was muss Qualitätsjournalismus tun?“ ist unter http://zukunft.ORF.at abrufbar.

Das ORF-DialogForum ist eine Initiative des ORF, das Gespräch mit seinem Publikum, den österreichischen Institutionen, den Organisationen und Gruppen der Gesellschaft zu beleben. Eine Aufzeichnung des ORF-DialogForums ist am Sonntag, dem 13. März, um 22.10 Uhr in ORF III zu sehen und ab Montag, dem 14. März, auf zukunft.ORF.at als Video-on-Demand abrufbar.

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