TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 26.02.2016, Leitartikel von Florian Madl: "Nichts als eine Oscar-Verleihung"

Innsbruck (OTS) - Allein die Art und Weise, wie sich die zwei Favoriten der heutigen Präsidentenwahl im Weltfußballverband FIFA nähern, offenbart die Charakteristik der einflussreichsten Sportinstitution. Nicht einmal im Internationalen Olympischen Komitee, wo seit 2013 Thomas Bach residiert, wurde mit ähnlichen Bandagen gekämpft: Stimmberechtigte werden nicht umgarnt, sie werden mit Geld aus der Verbandsschatulle geködert. Ihnen wird die Erweiterung der Weltmeisterschaft in Aussicht gestellt, um sportlichen Nachzüglern eine Vision zu verleihen. Nicht einmal Scheich Salmans fragwürdige Rolle in Bahrain, der Regimekritiker denunziert haben soll, reicht für eine Rote Karte. Ein Autokrat übler Prägung, der im Sinne der Akzeptanz wahlweise zwischen arabischer und europäischer Kleidung wechselt. Nun – eine Kopfbedeckung lässt sich ablegen, eine Gesinnung nicht.
Gianni Infantino, dessen Rhetorik manchen an den in Ungnade geratenen Sepp Blatter erinnert, schmeißt im Gegenzug mit Geld um sich. Nicht mit dem eigenen, nein: Der Schweizer will das, was die FIFA möglicherweise ebenfalls zu Unrecht hortet, an Verbände verteilen. Etwa das, was man WM-Gastgebern wie Südafrika und Brasilien im Zuge eigener Steuerrechtsbestimmungen abnötigte. Modernisierung nannte sich das damals; aber Kolonialisierung trifft es wohl um einiges besser.
Auch das Geschwafel derer, die sich keine Chance auf einen Zuschlag ausrechnen dürfen, ist ohrenbetäubend. Tokyo Sexwale definiert sich als Erneuerer, als einstiger Anti-Apartheidskämpfer wird der Südafrikaner allerdings mehr mit Nelson Mandela als mit dem Kampf gegen verkrustete FIFA-Strukturen in Verbindung gebracht. Und Prinz Ali bin al-Hussein bleibt das, was er schon immer war: ein achtbar gescheiterter Wahl-Rivale Sepp Blatters, der sich nicht aufs Schmieden von Allianzen verstand. Und Jérôme Valcke? Von einem FIFA-Generalsekretär zum Berater kleiner Fußball-Nationen wie Palästina oder Kosovo degradiert, ohne erkennbares Wahlprogramm und zudem ohne jegliche Kontur.
Die heutige FIFA-Wahl – ein Schaukampf wie im Wrestling amerikanischer Prägung; vorhersehbar, geradezu Hollywood-like. Heute wird in Zürich der Oscar für die beste Hauptrolle vergeben, den für die Nebenrolle bekommt der einzige Außenseiter mit Stimme. Es war schon einmal besser um jenen Sport bestellt, dessen größte Revolution in den letzten 24 Jahren die Rückpassregel hervorbrachte.

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