Nationaler Qualifikationsrahmen soll Anerkennung von Abschlüssen erleichtern

Orientierungshilfe für Kompetenzchecks erhält Mehrheit im Nationalrat - Opposition nutzt Themenblock für Debatte um Bildungsreform

Wien (PK) - Nach der heftigen Frühdebatte zum Pensionssystem gerieten die Fronten im Nationalrat heute beim Thema Bildung aneinander. FPÖ, Grüne und Team Stronach orten Stillstand, beispielsweise in der Frage, wie Bund und Länder künftig die Schulverwaltung regeln. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek widersprach: Jetzt werde erstmals seit 40 Jahren die Behördenstruktur zur Verwaltung der Lehrerinnen und Lehrer neu gestaltet, der Bund sei dabei, sich mit den Ländern darüber zu einigen. Bald erhält das Parlament laut Heinisch-Hosek zudem einen Gesetzesvorschlag, um Kindergartenkindern den Schuleinstieg zu erleichtern, führte sie ein weiteres Beispiel für den Fortschritt der Bildungsreform an. Hier gehe es vorrangig um die Verminderung von "Notenstress", indem mit Einverständnis der Eltern alternative Leistungsbeurteilungen angeboten werden.

Ausgangspunkt der Diskussion war eigentlich der Vorschlag zur Installierung eines sogenannten Nationalen Qualifikationsrahmens (NQR), der Bildungsabschlüsse und Kompetenzen besser vergleichbar machen soll. Konsens bestand in diesem Zusammenhang unter allen Fraktionen, besonders der berufsbildende Bereich erhalte damit eine Aufwertung. Nach NQR-Schema wird die Einstufung von Qualifikationen ergebnisorientiert, und zwar unabhängig von der Bildungsinstitution, vorgenommen. Was gelernt wurde ist demnach also wichtiger als wo -durch Berufspraxis erlangte Fähigkeiten scheinen laut Regierungsplan ebenso auf wie schulische oder universitäre Abschlüsse.

In Anlehnung an den Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen soll eine achtstufige Skala Orientierungshilfe bei den formell und informell erworbenen Kompetenzen bieten. Vorrangiges Ziel sei, die Lern- und Arbeitsmobilität zu erhöhen, und zwar im gesamten Unionsraum, begrüßte unter anderem Daniela Holzinger-Vogtenhuber (S) die Initiative. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek will den NQR als elektronisches Register diesen Herbst starten. Das Plenum gab ihr dafür grünes Licht, indem die Mehrheit der Abgeordneten das Bundesgesetz zur Schaffung eines Nationalen Qualifikationsrahmens genehmigte. Ohne Mehrheit blieben dagegen Anträge zu Bildungsthemen von FPÖ und Team Stronach.

NQR: Online-Vergleichsskala startet mit formalen Abschlüssen

Die österreichische Bevölkerung sei ungemein weiterbildungswillig, im Bereich der Berufsbildung liege die Republik überhaupt im internationalen Spitzenfeld und Neuerungen im Bildungswesen -Stichwort Neue Mittelschule - hätten vielversprechend gestartet, sieht Bildungsministerin Heinisch-Hosek eine gute Ausgangsbasis zur Einrichtung des Nationalen Qualifikationsrahmens. Die achtstufige NQR-Skala sei schon beinahe fertig ausgestaltet, erläuterte die Ministerin die laufenden Arbeiten an dem Projekt, das europaweite Vergleiche zulässt. Noch zu vervollständigen sei das Schema um das Feld der außerschulischen Lernkontexte. Beim Start des online-Vergleichsschemas zum Nationalen Qualifikationsrahmen diesen Herbst plant das Bildungsressort zunächst nur Einträge für formale Abschlüsse. Informelle Lernkontexte wie Arbeitsplatz oder Auslandsaufenthalte fließen in das Bewertungsschema ein, wenn die EU-Mitgliedsländer alle Feinheiten der Kategorisierung ausgearbeitet haben.

Zu den allgemeinen Zielsetzungen des NQR gehöre nicht nur die Erhöhung der Transparenz des Bildungssystems hinsichtlich tatsächlicher Kompetenzen, meinte Karlheinz Töchterle. Die Durchlässigkeit innerhalb des Bildungswesens beziehungsweise zwischen formalen und nicht-formalen Bereichen werde ebenfalls gefördert, und zwar nach dem Prinzip der gegenseitigen Anerkennung und Anrechnung von Qualifikationen. Die akademischen Qualifikationen erführen ebenfalls eine Verbesserung bei der Bewertung, da die gängige ECTS-Maßgabe nur den Zeitaufwand heranziehe.

Mehr Durchblick in der Erwachsenenbildung

Als geeignetes Instrument zur Vergleichbarkeit von Qualifikationen in Österreich und der gesamten Union würdigte ebenso Elisabeth Grossmann (S) den Nationalen Qualifikationsrahmen. Mit der "Lernergebnisorientierung" werde sichergestellt, dass der Wert einer Fähigkeit nicht an der Staatsgrenze endet. Gerade in der Erwachsenenbildung ergebe sich mehr Orientierung. Wo und wie man etwas lernt, spiele im NQR weniger Rolle als die Lernergebnisse, fasste Philip Kucher (S) den "Paradigmenwechsel" zusammen, der sich seiner Ansicht nach aus der Initiative ergibt.

Die Steuerung der Einstufungen im NQR erfolge durch ein breites Gremium aus FachexpertInnen, erklärte Katharina Kucharowits (S) den formellen Aufbau. Der Unterrichtsausschuss habe deswegen auch die Bundesjugendvertretung als wichtige Interessensvertretung in die NQR-Steuerungsgruppe mitaufgenommen. Die Einteilung der Qualifikationen in die acht Niveaus des NQR soll in einer eigens zu schaffenden nationalen NQR-Koordinierungsstelle erfolgen. Als Standort sieht der Regierungsplan die Österreichische Außendienst-GmbH für internationale Mobilität und Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Forschung vor, nicht zuletzt aufgrund der Synergieeffekte mit EU-Programmen wie Erasmus+. Die veranschlagten Kosten von jährlich 190.000 € für sonstige Aufwendungen übernehmen aber als zuständige Ressorts das Bildungsministerium und das Wirtschaftsministerium.

Erworbene Qualifikationen würden nun international sichtbar gemacht, lobten Brigitte Jank und Eva-Maria Himmelbauer (beide V) den NQR als Hilfestellung für die heimischen Wirtschaft, die unter anderem bei Ausschreibungen großen Nutzen daraus ziehe. Markus Vogl (S) führte in diesem Zusammenhang den Erfolg heimischer Betriebe in der Exportwirtschaft an, die bislang nicht über ausreichende Möglichkeiten zur Anrechnung der Qualifikationen ihrer MitarbeiterInnen verfügt hätten. Die angemessene Einordnung in ein internationales Schema sei daher für HTL-AbsolventInnen wichtig, bezog sich Himmelbauer auf einen vom Unterrichtsausschuss vertagten FPÖ-Antrag betreffend IngenieurInnen in der NQR-Übersicht und drängte, hier ehestmöglich Abhilfe zu schaffen.

Opposition hinterfragt Steuerungsstruktur des Qualifikationsrahmens

Der Nationale Qualifikationsrahmen sei an sich sehr sinnvoll, räumte Peter Wurm (F) ein, er bemängelte allerdings, faktische Auswirkungen ergäben sich daraus nicht. In der Regierungsvorlage zum NQR heißt es, Zugangsberechtigungen, etwa zu Universitäten, leiten sich daraus keine ab. Auch habe das Parlament bei der Einstufung von Abschlüssen kein Mitspracherecht, erinnerte Wurm erneut an das Anliegen seiner Partei, IngenieurInnen im NQR auf Bachelor-Niveau, also Ebene 6, einzureihen und so im allgemeinen Verständnis aufzuwerten. Noch größer war indes sein Unmut über die Ausgestaltung der NQR-Organisation. Aus Beirat, Steuerungsgruppe und Koordinierungsstelle ergebe sich ein "bürokratisches Monstrum", das die SteuerzahlerInnen viel kosten werde, gab ihm Harald Walser recht. Walser betrachtet die Verwaltung des Qualifikationsrahmens grundsätzlich als eine Aufgabe der hoheitlichen Verwaltung. Außerdem sollte der NQR rechtlich verbindlich sein und nicht nur reinen Empfehlungscharakter haben, unterstrich der Grünen-Bildungssprecher. Den Umfang des 30-köpfigen Steuerungsgremiums kritisierte Walser wie Wurm überdies.

Ob der NQR eine transparente und unabhängige Übersicht zu Abschlüssen bieten wird, bezweifelte Sigrid Maurer (G) vor diesem Hintergrund. RegierungsvertreterInnen und Sozialpartner würden 80% der Steuerungsgruppe bilden, also über die Einstufung von Bildungsangeboten entscheiden. Ungeachtet der Kritik nannte Walser den Nationalen Qualifikationsrahmen "überfällig", um bei der Berufsausbildung durch entsprechende Anerkennungen vom akademischen "Standesdünkel" wegzukommen. Klubobmann Matthias Strolz (N) bezeichnete es in diesem Zusammenhang als "Schwachsinn", in der NQR-Skalenstruktur zwei Äste für akademische und nicht-akademische Ausbildungen vorzusehen. Dennoch überwiegen für ihn in der Gesetzesvorlage zum NQR positive Faktoren wie eine einheitliche europäische Sprache und mehr Durchlässigkeit im Bildungssystem, sowie die Aufwertung des Handwerks und die Ergebnisorientierung, weswegen er seine Zustimmung signalisierte.

Für Franz-Joseph Huainigg (V) ist der Rahmen zur Festlegung von Qualitätsstandards nicht zuletzt ein Instrument zur Qualitätssteigerung an den Schulen. SchülerInnen mit Lernbehinderung zum Beispiel bräuchten spezielle Förderung, um an der Gesellschaft mitzuwirken. Einen vom Unterrichtsressort angekündigten App "Leichte Sprache" begrüßte er daher. Als Mensch mit Behinderung in die Regelschule aufgenommen zu werden, sei "lebensentscheidend", warnte Huainigg speziell Abgeordneten Lugar vor diskriminierenden Vorstößen.

Die Wahlfreiheit zwischen Sonderschulen und integrativen Maßnahmen für Eltern von Kindern mit Behinderung forderte Robert Lugar (T) nämlich mit einem eigenen Antrag. Er reagierte damit auf vermutete Pläne des Bildungsministeriums, Sonderschulen bis 2020 abzuschaffen. Selbst die UN-Behindertenrechtskonvention räume in diesem Bereich Wahlfreiheit ein, da das Regelschulwesen keine adäquaten Rahmenbedingungen für sämtliche SchülerInnen mit Behinderung böten, sagte der Team Stronach-Bildungssprecher. Heinisch-Hoseks Vorhaben ist Lugars Einschätzung nach rein ideologisch getrieben. Gleiche Rechte stünden allen Kindern zu, ließ Kucharowits (S) den Team Stronach-Vorwurf nicht gelten. Die Ministerin hielt fest, natürlich bräuchten Kinder mit Behinderung besondere Betreuung, doch dürfe das nicht als Ausschlusskriterium gelten. Die Hauptfrage sei immer, wie kann das Bildungssystem allen Schülerinnen und Schülern gerecht werden.

Wo steht die Bildungsreform?

Das Fehlen von Schulautonomie, freier Schulwahl, und der Entpolitisierung an Schulen nannte Peter Wurm namens der Freiheitlichen in seiner Kritik am aktuellen "Chaos" der Bildungsreform. In einem Entschließungsantrag forderte er weiters Deutschklassen für SchülerInnen mit mangelnden Kenntnissen der Unterrichtssprache ein, um sie auf den Regelunterricht vorzubereiten. Anlass dafür sind die derzeitigen Überlegungen, wie minderjährige Flüchtlinge am besten in das Schulwesen integriert werden können. Für Harald Walser (G) herrscht bei der Bildungsreform "Stillstand". Seit letztem Winter, als sich SPÖ und ÖVP auf eine Neugestaltung des Schulwesens geeinigt hatten, sei kein einziger Gesetzesentwurf dazu dem Parlament vorgelegt worden. "Das ist Österreich nicht weiter zumutbar", warnte Walser, stelle doch die Weiterentwicklung des Bildungsbereichs ein zentrales Zukunftsprojekt dar. (Fortsetzung Nationalrat) rei

Rückfragen & Kontakt:

Pressedienst der Parlamentsdirektion
Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272
pressedienst@parlament.gv.at

http://www.parlament.gv.at
www.facebook.com/ParlamentWien
www.twitter.com/oeparl

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NPA0002