TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 20. Februar 2016 von Alois Vahrner "Europas Bankrotterklärung"

Innsbruck (OTS) - Dass die Europäische Union zurzeit wegen der Flüchtlingskrise in die schwerste Krise ihrer Geschichte geschlittert ist, wäre noch eine große Untertreibung. Die 28 Mitglieder sind dabei, die EU in ihre 28 Einzelteile zu zerlegen.

Vor etwas über drei Jahren bekam die EU den Friedensnobelpreis verliehen. Im Vorjahr durfte der alte Kontinent, auf dem es unzählige Völkerschlachten gab und von dem beide Weltkriege ihren verheerenden Ausgang genommen hatten, ein so noch nie dagewesenes Jubiläum begehen: 70 Jahre (mit Ausnahmen wie dem Krieg in Jugoslawien) durchgehenden Frieden.
Die Europäische Union expandierte auf derzeit 28 Mitglieder, sie gab sich zumindest für einen großen Teil mit dem Euro eine gemeinsame Währung und sie baute gemäß Schengen-Abkommen nationale Grenzen ab. Entscheidungsprozesse waren schon bisher extrem schwierig und langwierig. Der Euro geriet durch die Schuldenkrise, allen voran im bankrottreifen Griechenland, ins Trudeln. Ins Chaos stürzte die Union aber durch die Flüchtlingskrise, genauer gesagt durch den alles andere als gemeinschaftlichen, sondern nationalstaatlich-egoistischen Umgang damit.
Schlimm genug, dass im kompromisswütigen EU-Konstrukt Erpressungs-bzw. Vetodrohungen wie durch Großbritannien (ganz aktuell auch wieder bei der Brexit-Drohung) und auch etliche andere Mitgliedsländer immer wieder Erfolg haben. Das Bild, das die EU-Länder aber zurzeit in der Flüchtlingsfrage abgeben, ist katastrophal. Als im Vorjahr die Flüchtlingswelle über Europa hereinbrach, waren es nur ganz wenige Länder (vor allem Deutschland, Österreich und Schweden), die eines Friedensnobelpreisträgers würdig agierten. Eine gerechte Aufteilung wurde von der großen Mehrheit der EU-Mitglieder abgeschmettert, vor allem osteuropäische Länder weigern sich bis dato überhaupt, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Folge ist ein Dominoeffekt an Rechtsverschärfungen und Grenzsperren quer durch Europa. Schengen und das freie Reisen, eine der größten EU-Errungenschaften, sind praktisch abgeschafft. Überall, selbst am für Tirol so symbolträchtigen Brenner, werden Grenzzäune entstehen. Aber noch weit problematischer sind die augenscheinlich gewordenen hohen Grenzzäune in den Köpfen vieler führender europäischer Politiker.
Europa fällt im Wettbewerbsvergleich zurück, statt aufzuholen, die Eurokrise kann jederzeit neu ausbrechen, in vielen Ländern werden auch extreme Rechtsparteien rasant stärker. Dass diese mit dem Zusammenwachsen Europas nichts am Hut haben und der blinde Nationalismus neu aufzublühen droht, ist leider alarmierende Tatsache. Trotzdem: Dass sich die EU selbst zu zerlegen droht, haben die aktuell Regierenden zu verantworten.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001