TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 19. Februar 2016 von Peter Nindler "Inhaltsleere Noten"

Innsbruck (OTS) - Die Bildungspolitik sollte Systemfehler beheben, nicht von einem Reformversprechen in das andere torkeln. Eine Volks-schule ohne Noten in Verbindung mit der gemeinsamen Schule könnte die Bildungschancen vieler Schüler verbessern.

Die Bildungsreform verliert sich im Stückwerk: Im November wird der große Durchbruch verkündet, Monate später ist von der Aufbruchstimmung nichts mehr zu spüren. Die Diskussion um die alternative Leistungsbeurteilung ohne Noten bis zur vierten Klasse Volksschule symbolisiert diese Endlosschleife und den Reform-Rückstau. Dazu kommen noch die mittlerweile beliebten atmosphärischen Fouls. Denn unabgestimmt mit dem Koalitionspartner ÖVP schickt die SPÖ einen Entwurf aus, den die Volkspartei schon einmal vorbeugend und reflexartig torpediert. Überlagert wird die bildungspolitische Auseinandersetzung noch vom unsäglichen Kompetenzstreit zwischen Bund und Ländern über die künftigen Schulbehörden sowie der standhaften Weigerung der Gymnasial-Vertreter, bei Modellregionen für eine gemeinsame Schule mitzumachen. Wer soll da wirklich noch an eine Erneuerung des Schulsystems glauben?
Gleichzeitig gibt es schon so viele Vorschläge für Schul-Verbesserungen, dass die Reform-Verwirrung nur noch größer wird. Nichts führt die Politik zu Ende, vieles fängt sie an und lässt es dann wie die Neue Mittelschule halbfertig liegen. Die Volksschule ohne Noten passt in dieses Bild, die Ziffern von eins bis fünf versteinern schließlich den Reformunwillen. Noten machen vor allem den Leistungsdruck sichtbar, die Kompetenzorientierung bleibt dahinter auf der Strecke. Alles Einser im Volksschulzeugnis sind im Großraum Innsbruck nicht selten ein Druckausgleich für die Eltern („Hauptsache Gymnasium“), aber kein objektiver Befund über die tatsächlichen Fähigkeiten der Zehnjährigen.
Wobei das nicht nur die Volksschule allein betrifft, sondern die gesamte Bildungslandschaft leidet unter der unreflektieren und rückmeldungslosen Noten-Hierarchie. Selbst an der Universität wird in einigen Fächern nach wie vor benotet, wie gut der Stoff auswendig gelernt wurde. Deshalb muss die Bildungspolitik zuallererst Systemfehler beheben. Die frühe Auslese nach der Volksschule ist einer davon. Wird auf sie verzichtet, würde es automatisch zum Druckabfall bei den Noten kommen. Den Kindern – und ausschließlich um sie sollte es gehen, nicht um das Selbstverständnis der Eltern – wird dann wertvolle Zeit geschenkt, Leistungsstärken auszubauen und Schwächen auszumerzen.
Eine Volksschule ohne Noten und eine gemeinsame Schule der 6- bis 14-Jährigen wären deshalb kommunizierende Gefäße. Und vielleicht auch die Basis für eine erfolgreiche Bildungslaufbahn von möglichst vielen Kindern und Jugendlichen.

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