TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 8. Februar 2016 von Florian Madl "Was heißt schon hundsgemein?"

Innsbruck (OTS) - Die Tourismus-Werbung suggeriert Erlebnisse, die Industrie Sicherheit, der Zeitgeist Vergnügen. Der Lawinenabgang am Wochenende stellt unseren Zugang zur Natur in Frage, denn die ist kein Dienstleister und schon gar nicht kalkulierbar.

Mag sein, dass dieser Winter einer ist, der uns Sport im freien Skigelände vergällt. Doch ist er wirklich „hundsgemein“, wie ihn Lawinenexperte Rudi Mair in einem TT-Interview bezeichnete? Muss der instabile Schneedecken-Aufbau, diese Laune der Natur, nicht als solche hingenommen werden, weil sich doch stets der Mensch dem anzupassen hat und beileibe nicht umgekehrt?
Diese allgemeine Verdrossenheit, bei schönstem Wetter nicht Herr der Lawinensituation zu sein, dieser Ärger über die Unabwägbarkeit, bringt ein Stück weit auch den Zeitgeist zum Ausdruck, unseren Zugang zur Natur im weiteren und zum Schnee im engeren Sinn: Fällt der nämlich nicht wie bestellt Anfang Dezember, bricht Wehklagen aus. Und erweist sich die Schneedecke nicht in jenem Ausmaß als robust, dass wir auf ihr nach Lust und Laune „powdern“ können, sehen wir uns um ein Freizeitvergnügen betrogen.
Das gilt wohl auch für jene Touristen, denen wir mit Bildern von tief verschneiten Hängen ungetrübtes Wintersportvergnügen in Aussicht stellen: großflächig in allerhand Tourismusbroschüren, Pistensujets sind dort in der Unterzahl. Wer bei uns einem Flieger entsteigt, muss der Meinung sein, der Tiefschneeteppich ende am Rollfeld. Die Industrie reagierte darauf, sie preist den breitspurigen Freeride-Ski als Vehikel unserer Träume an, die durch Lawinen-Airbag und einem Set aus Sonde/Schaufel/Pieps in Vollkasko gebettet sind. Abgedrehte Stunt-Videos samt Sprungvariationen um alle Körperachsen lassen das Risiko kalkulierbar erscheinen, mit Bergführern geht die Gefahr eines Lawinenabgangs nahezu gegen null. Ist das so? Korrelieren Lawinenwarnstufen etwa mit Schulnoten, garantiert also eine „3“ (Befriedigend) weitgehend sicheres Wintersportvergnügen, weil „4“ und „5“ noch höheres Risiko bedeuten? Mitnichten! „3“ bedeutet „erhebliche Gefahr“, also keine befriedigende Lawinensituation. „3“ suggeriert Sicherheit, kann diese aber niemals gewährleisten. Ein Versprechen, ähnlich brüchig wie die Schneedecke. Dieses Versprechen können oft auch jene nicht halten, die Verantwortung für eine Gruppe übernommen haben. Dass am Samstag fünf Freerider ihr Vertrauen in einen Gruppenführer mit dem Leben bezahlten, ist tragisch. Dass sich dieser Experte über Warnungen hinwegsetzte, fahrlässig. Und dass Bergretter ihr Leben aufs Spiel setzen mussten, um noch Schlimmeres zu verhindern, unzumutbar.
Es läuft etwas falsch in unserem Zugang zur Natur. Und die Schneedecke ist dafür nicht verantwortlich zu machen.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001