Berichte über Mord an Taxifahrerin in Oberösterreich verstoßen gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Senat 3 des Presserats beschäftigte sich mit mehreren Artikeln über einen Mord an einer Taxifahrerin in Oberösterreich; der Sohn der Verstorbenen hatte sich an den Presserat gewandt.
Der Beschwerde wegen zweier Artikel über das Begräbnis der Ermordeten, erschienen am 29. bzw. 30.04.2015 auf „nachrichten.at“, gab der Senat teilweise statt. Zudem stellte er wegen mehrere Artikel auf „krone.at“ sowie auf „oe24.at“, erschienen zwischen dem 21.04.2015 und dem 25.04.2015, Verstöße gegen den Ehrenkodex fest.

Zur Beschwerde gegen „nachrichten.at“

Nach Meinung des Beschwerdeführers werde die Trauerfeier in den Berichten auf „nachrichten.at“ zu detailliert beschrieben. Auf den veröffentlichten Fotos seien der Sarg und die Trauergemeinde zu sehen, obwohl es sich dabei um keine öffentliche Zeremonie gehandelt habe und nur Verwandte, Freunde und Arbeitskollegen anwesend gewesen seien.
„nachrichten.at“ brachte vor, dass äußerst zurückhaltend berichtet worden sei. Das Verbrechen habe großes Aufsehen verursacht und Betroffenheit bei der Bevölkerung hervorgerufen, weshalb es auch ein öffentliches Interesse an einer sachlichen Berichterstattung gegeben habe.
Auch das veröffentlichte Foto sei nicht zu beanstanden. Durch die Aufnahme sei niemand gestört worden, der Fotograf sei nur kurz in der Kirche gewesen.

Die bloße Anwesenheit des Journalisten bei einem Begräbnis beanstandete der Senat nicht, und auch der Umstand, dass er anscheinend unbemerkt von der Trauergemeinde ein Foto in der Kirche gemacht hatte, war nach Auffassung des Senats keine unlautere Methode bei der Materialbeschaffung iSd Punktes 8 des Ehrenkodex.

Zur Veröffentlichung selbst merkte der Senat an, dass der Tod und die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen zum höchstpersönlichen Lebensbereich zählen. Ein Begräbnis, dem normalerweise nur die Familie und der Freundeskreis der Verstorbenen beiwohnen, gehört zu dem von der Persönlichkeits- und Intimsphäre geschützten Bereich. Dies gilt auch dann, wenn, wie im gegenständlichen Fall, noch weitere Personen, wie z.B. Arbeitskollegen, zu den Trauergästen zählen, so der Senat weiter. Ein öffentliches Interesse, über den Verlauf eines Begräbnisses informiert zu werden, besteht grundsätzlich nicht. Ein solches kann nur in Ausnahmefällen angenommen werden, beispielsweise dann, wenn eine Person des öffentlichen Lebens zu Grabe getragen wird. Der Umstand, dass die Verstorbene Opfer eines Verbrechens wurde, über das in den Medien ausführlich berichtet wurde, reicht für die Annahme eines öffentlichen Interesses nicht aus.

Die Berichterstattung verletzt nach Ansicht des Senats nicht nur in die Persönlichkeits- und Intimsphäre der Verstorbenen, sondern auch jene der Angehörigen (siehe die Punkte 5 und 6 des Ehrenkodex). Der Mord sowie die Berichterstattung darüber und die Suche nach dem Täter waren ohnehin schon eine große Belastung für die Hinterbliebenen. Durch die Berichterstattung über das Begräbnis wurde die Belastung erhöht und die Trauerarbeit erschwert. Somit lag hier laut Senat auch ein Eingriff in das Pietätsgefühl der nahen Angehörigen vor. „nachrichten.at“ ist der Verpflichtung bereits nachgekommen, die Entscheidung zu veröffentlichen.

Zu den Artikeln auf „krone.at“ und auf „oe24.at“

Der Senat beschäftigte sich darüber hinaus auch noch mit mehreren Artikeln zu dem Mordfall, die auf den Webseiten „krone.at“ und „oe24.at“ erschienen sind. Der Senat stellte dabei Verstöße gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz), 6 (Intimsphäre) sowie 8 (Materialbeschaffung) fest.
In den geprüften Artikeln wurde über die Ermordung der Taxilenkerin, die Ermittlungsarbeit der Polizei und die Hintergründe des Falles sowie über die Festnahme eines Verdächtigen berichtet. In allen Artikeln wurden der Vorname und der Anfangsbuchstabe des Nachnamens des Opfers angeführt. Mit Ausnahme eines Artikels auf „krone.at“ wurde auch das Alter der Verstorbenen genannt. Darüber hinaus wurden bei den Artikeln Fotos der Verstorbenen veröffentlicht.

Der Sohn der Verstorbenen brachte vor, dass die Berichte den Persönlichkeitsschutz der Verstorbenen missachten. Die Verstorbene sei keine Person des öffentlichen Lebens gewesen; es liege auch kein Informationsinteresse der Öffentlichkeit vor.
Bei den veröffentlichten Fotos handle es sich laut Auskunft des Sohnes um Privatfotos. Das am 23.04. und am 25.04.2015 auf „krone.at“ sowie bei beiden Artikeln auf „oe24.at“ veröffentlichte Foto stamme vom Facebook-Account der Betroffenen selbst, das zu dem Artikel vom 24.04.2015 auf „krone.at“ veröffentlichte Foto hingegen von seinem Facebook-Account. Weder die Verstorbene noch er habe der Veröffentlichung der Fotos zugestimmt. Dadurch sei gegen Punkt 8 (Materialbeschaffung) verstoßen worden.

Auch hier gilt laut Senat der Grundsatz, dass der Persönlichkeitsschutz auch über den Tod hinaus besteht.
Die unverpixelte Veröffentlichung von Bildern einer Ermordeten, offenbar ohne Zustimmung der nahen Angehörigen, verstößt nach Ansicht des Senats gegen den Persönlichkeitsschutz iSd Punktes 5 des Ehrenkodex. Bei der Berichterstattung über einen Mord erkennt der Senat grundsätzlich kein berechtigtes öffentliches Interesse daran, ein Bild der Ermordeten zu veröffentlichen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Mordtat, wie hier, bereits aufgeklärt wurde.

Außerdem lag bei den vorliegenden Artikeln auch ein Verstoß gegen Punkt 8 (Materialbeschaffung) des Ehrenkodex vor. Ein auf Facebook veröffentlichtes Foto ist ein Privatfoto, ungeachtet der Tatsache, dass es einer größeren Anzahl von Menschen zugänglich ist. Die Veröffentlichung eines solchen Fotos ohne Zustimmung der Verstorbenen bzw. ihres Sohnes missachtet laut Senat Punkt 8.4 des Ehrenkodex, wonach Privatfotos ohne Zustimmung der Betroffenen nicht verwendet werden dürfen.

Einer der Artikel auf „krone.at“ griff schließlich auch in den Schutz der Intimsphäre der Verstorbenen ein. An Details, wie genau die Ermordete umgekommen ist, besteht kein öffentliches Interesse; nach Auffassung des Senats wurden hier lediglich die Sensationsinteressen mancher Leser befriedigt.

Der Senat stellte die Verstöße fest und forderte die Medieninhaberinnen von „krone.at“ und von „oe24.at“ auf, die Entscheidung freiwillig in den betroffenen Medien zu veröffentlichen oder bekannt zu geben.
Die Entscheidungen in voller Länge finden Sie unter www.presserat.at.

BESCHWERDEVERFAHREN UND SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES BETROFFENEN

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im Fall gegen die Medieninhaberin von „nachrichten.at“ führte der Senat 3 des Presserats aufgrund einer Beschwerde eines Betroffenen ein Verfahren durch (Beschwerdeverfahren). In diesem Verfahren ist der Presserat ein Schiedsgericht iSd. ZPO.
Der Beschwerdeführer sowie die Medieninhaberin der „Oberösterreichischen Nachrichten“ haben sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats unterworfen und an dem Verfahren teilgenommen.
Im Fall gegen die Medieninhaberinnen von „krone.at“ und „oe24.at“ führte der Senat 3 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Betroffenen ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberinnen von „krone.at“ und „oe24.at“ haben von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.
Bisher haben sich die Medieninhaberinnen der „Kronen Zeitung“ und der Tageszeitung „Österreich“ der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

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Alexander Warzilek, GF, Tel.: 01/23 699 84 - 01

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