TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Freitag, 29. Jänner 2016, von Michael Sprenger: "Stichwahl im rechten Lager"

Innsbruck (OTS) - Die FPÖ war drauf und dran, einen ähnlich misslungenen Start in die Bundespräsidentenwahl wie die ÖVP hinzulegen. Norbert Hofer wollte lange kein Kandidat sein. Doch jetzt muss er wollen – und wird für Andreas Khol zur Gefahr.

Die Präsentation des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer durch Heinz-Christian Strache hatte durchaus kabaretthafte Züge. Zum Höhepunkt durfte dann die „fixe“ Kandidatin Ursula Stenzel mit Strache zur Enthüllung des ersten Wahlplakats mit dem Konterfei Hofers antreten. Der Subtext der Inszenierung war aus blauer Sicht einleuchtend. Nicht die FPÖ habe sich bei der Suche nach einen Kandidaten verrannt, sondern jene Medien, die immerzu exklusiv einen neuen Kandidaten verkündet hatten. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.
Hofer hat durch sein Verhalten Strache geholfen, auf die andere halbe Wahrheit nicht eingehen zu müssen. Dieser hat ja, wie angekündigt, seinen Kandidaten präsentieren können, der in der FPÖ und in der Wählerschaft der FPÖ auf keinen Widerspruch stößt. Das war bei Stenzel nicht der Fall. Und dass Norbert Hofer mehrmals glaubwürdig versichert hatte, dass er nicht als Kandidat zur Verfügung stehe, ist ihm nicht vorzuwerfen. Seine Treue zur Partei war stärker. Da mussten sich seine Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung unterordnen.
Vergleiche zur ÖVP-Kandidatensuche bieten sich an. Dort scheiterte der „fixe“ Kandidat Erwin Pröll nicht am parteiinternen Widerstand, sondern an der wachsenden Gewissheit, die Wahl zum Bundespräsidenten nicht gewinnen zu können. Andreas Khol war sofort für die Kandidatur bereit. Heute ist die ÖVP froh über diese Entwicklung. So wie wohl auch die FPÖ.
Anders als die ÖVP-Abtrünnige Stenzel ist Hofer ein geeichter und überzeugter FPÖler. Anders als bei Stenzel braucht Strache keine Angst zu haben, dass Hofer in ein Fettnäpfchen tritt. Zudem ist Hofer der nette Blaue, der ohne brachiale Sprache rechtes Gedankengut vertritt.
So betrachtet kann dieses blaue Kandidaten-Tohuwabohu ausgerechnet für den ÖVP-Kandidaten Andreas Khol zum Problem werden. Nicht nur, dass Hofer als Dritter Nationalratspräsident bislang eine anständige Figur gemacht hat, kommt dem früheren Nationalratspräsidenten Khol ungelegen. Hofer ist deutlich jünger als seine Gegner im rechten Spektrum – und ist daher auch ein Angebot für die jüngere Wählerschaft. Die FPÖ wird zudem die Behinderung Hofers auszunützen wissen, um ihn als Kämpfer darzustellen, der sich auch von Schicksalsschlägen nicht hat unterkriegen lassen. Hofer gegen Khol wird so zur ersten Stichwahl im Kampf um die Hofburg.

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