Ludwig/Prokop: Erklärende Zusatztafel zu Mosaik von O.R. Schatz am Franz-Novy-Hof

Otto Rudolf Schatz, ein vom NS-Regime verfolgter Maler, gestaltete das monumentale Keramikmosaik „100.000 neue Gemeindewohnungen“

Wien (OTS) - Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird Wien vom NS-Regime befreit. 20 Prozent aller Wohnungen, rund 87.000, sind zerstört. 35.000 Menschen sind in Wien obdachlos. 1949 wird unter Bürgermeister Theodor Körner der Wohnbauwiederaufbaufonds eingerichtet. Zahlreiche neu errichtete Gemeindebauten werden - wie bereits im "Roten Wiener der ersten Republik" - mit „Kunst am Bau" versehen.
Otto Rudolf Schatz (1900 – 1961) gestaltete in den Jahren 1955 bis 1957 das keramische Mosaikwandbild „100.000 neue Gemeindewohnungen“. Auf ihm halten unzählige Architekten und drei Architektinnen Modelle der von ihnen geplanten Gemeindebauten in Händen.
Wohnbaustadtrat Michael Ludwig, Ottakrings Bezirksvorsteher Franz Prokop sowie Univ. Prof. Dietrich Kraft, Erstautor der Monografie über O.R. Schatz, enthüllten heute Freitag, eine erklärende Zusatztafel zum Werk dieses bedeutenden österreichischen Künstlers. ****

„Mit dieser Zusatztafel wollen wir zum einen großen österreichischen Künstler würdigen, dessen Kreativität und Schaffenskraft sich in einer Qualität und Bandbreite abbildet, wie sie bei wenig anderen Kunstschaffenden zu finden ist. Zum anderen soll diese Tafel ein weiterer Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und der Grausamkeit dieses totalitären Regimes sein. Schatz engagierte sich als überzeugter Antifaschist für Demokratie, Menschenwürde und Meinungsfreiheit. Last but not least erinnert Schatz Werk am Franz-Novy-Hof an einen wichtigen Meilenstein des sozialen Wohnbaus der Stadt, der in die schwierige Zeit des Wiederaufbaus fällt", hielt Wohnbaustadtrat Michael Ludwig fest.

„Das Keramikmosaik von Otto Rudolf Schatz repräsentiert wie kein anderes die Aufbauarbeiten unserer Väter nach dem Krieg, die die Grundlage für den sozialen Wohnbau in Wien bilden. Deshalb halte ich es für besonders wichtig durch die Kunstbeschriftungstafel an den bedeutenden Künstler zu erinnern und so sein Werk zu würdigen", unterstrich Bezirksvorsteher Franz Prokop.

„Otto Rudolf Schatz war ein außergewöhnlicher Künstler, dessen Bedeutung erfreulicherweise immer mehr erkannt wird, vor allem auch im Ausland. Auch in Wien war dieser Bannerträger der Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit lange vergessen. Vor allem seine zahlreichen Holzschnitte bringen seine politische Botschaft deutlich zum Ausdruck. Ab 1938 war der Widerstandkämpfer politisch verfolgt, was ihn letzten Endes in Arbeitslagern und zuletzt in einem KZ-Außenlager an den Rand des Todes getrieben hat. Bedauerlicherweise erfolgte seine nationale Anerkennung erst nach seinem Tod durch Wilfried Daim, international als ein amerikanischer Kunstsammler in den 1970er-Jahren Schatz´ Bedeutung erkannte und zahlreiche seiner Werke erstand“, hob Professor Dietrich Kraft hervor.

Hintergrund des Mosaiks 100.000 neue Gemeindewohnungen“

Die Stadt Wien erinnerte an Grundsteinlegung der 100.000. Gemeindewohnung, die am 11. September 1954 in der Pfenninggeldgasse vorgenommen wurde. In der Rathauskorrespondenz vom selben Tag heißt es dazu: „In Anwesenheit Tausender Wiener und zahlreicher Mitglieder der Bundesregierung sowie der Wiener Stadtregierung nahmen Bundespräsident Körner und Bürgermeister Jonas die Grundsteinlegung zur 100.000 Gemeindewohnung (die die Wiener Gemeindeverwaltung seit der Gründung der Österreichischen Republik errichtete) in 16, Zagorskigasse-Herbststraße vor. Die Stadt Wien hat also seit der Ersten Republik bis heute Wohnhäuser errichtet, die dem Neubau der Städte Graz und Linz zusammengenommen entsprechen. Dabei wurde praktisch nur in den Jahren 1923 bis 1934 gebaut und dann erst wieder seit 1947.“

O.R. Schatz wurde von der Stadt mit der Schaffung des Monumentalen Wandmosaiks beauftragt. In dieser Apotheose des sozialen Wohnbaus der Stadt Wien halten unzählige Architekten und drei Architektinnen Modelle der von ihnen gestalteten Gemeindebauten in Händen. Das Bild trägt die Inschrift: "Wo sich ein Kreis von Schöpfern findet, / Wächst hunderttausendfache Saat: / Denn Menschen, Raum und Zeit verbindet / Zum Wohle immer nur die Tat."

Franz Novy (1900- 1949) war ab 1946 bis zu seinem Tod Wiener Stadtrat für Bauwesen. Er leitete den Wiederaufbau Wiens. In seinem Heimatbezirk Ottakring wurde die zwischen 1950 und 1954 errichtete Wohnhausanlage mit insgesamt 802 Wohnungen nach ihm benannt.

Biografie Otto Rudolf Schatz (1900 – 1961)

Der Sohn einer Beamtenfamilie, geboren am 18. Jänner 1900 in Wien, absolvierte die Wiener Kunstgewerbeschule bei Oskar Strnad und Anton von Kenner. Mit 22 Jahren trat der politisch links engagierte Künstler bereits als Buchillustrator für Arthur Roessler hervor, später auch für Josef Luitpold Stern (Der entwurzelte Baum, Die neue Stadt, Die Rückkehr des Prometheus).Otto Rudolf Schatz illustrierte in der Zwischenkriegszeit vor allem Literatur aus dem Strom-Verlag (u. a. Stefan Zweig, Jack London, daneben auch Upton Sinclairs „Co-op“ und Peter Roseggers „Jakob der Letzte“).

1925 erhielt Schatz den Großen Staatspreis, 1928–38 war er Mitglied des Hagenbundes. Während des Zweiten Weltkrieges lebte Schatz in Brünn, Prag und wurde später in ein KZ-Außenlager des KZ Groß-Rosen in Gräditz eingeliefert, da er unter anderem auch durch seine Heirat als „jüdisch versippt“ galt. Schatz wurde nach seiner Rückkehr durch den Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka gefördert. Sein erster Preis für die Ausgestaltung des Wiener Westbahnhofs blieb unrealisiert.

Schatz hat hauptsächlich als Holzschneider gearbeitet – mehr als 1500 Motive sind überliefert. Im Handel tauchen auch Ölbilder und vereinzelt Erotica auf. Als Sammler und Propagator des Künstlers ist nach dessen Tod Wilfried Daim aufgetreten. Daim hat auch die 1926–1929 geschaffenen Holzdrucke zu Ernst Preczangs Gedicht „Stimme der Arbeit“ rekonstruiert und das Buch 1999 als Faksimile ediert. Otto Rudolf Schatz verstarb am 26. April 1961 an Lungenkrebs. Das ehrenhalber gewidmete Grab von O. R. Schatz befindet sich am Neustifter Friedhof.

Otto Rudolf Schatz und Carry Hauser widmet das Wien Museum eine Ausstellung

„O.R. Schatz & Carry Hauser. Im Zeitalter der Extreme“ lautet der Titel der Ausstellung im Wien Museum, die vom 28. Januar 2016 bis 16. Mai 2016 läuft. Sie würdigt zwei bedeutende österreichische Maler, die lange im Schatten von berühmten Zeitgenossen wie Schiele und Kokoschka standen. Vorrangig im Bereich der Grafik tätig, wurden sie international wenig ausgestellt. Kriege, Exil und politische Systemwechsel prägten ihre Biografien. Die einzige Konstante bildet der permanente Neuanfang.
Im Dialog zwischen Schatz und Hauser erschließt sich das breite Spektrum künstlerischer Ausdrucksformen vom Expressionismus und Kubismus über die Neue Sachlichkeit bis hin zum Realismus nach 1945. Bestimmende Themen sind die menschliche Existenz in einem Zeitalter der Extreme und die Großstadt in all ihren Facetten – von pulsierendem Leben bis zu Elend und Isolation.
Das Wien Museum verfügt über die größte öffentliche Sammlung von Werken beider Künstler. In der Ausstellung werden sie durch hochkarätige internationale Leihgaben ergänzt. Zu sehen sind auch Raritäten aus Privatbesitz wie die eigenhändig gefertigten Künstlerbücher und bislang unbekannte Entwürfe zur Kunst am Bau.

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