TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 18. Jänner 2016 von Peter Nindler "Die verwaiste Diözese"

Innsbruck (OTS) - Bleibt der Bischofsstuhl in der Diözese Innsbruck lange unbesetzt, würde das der Kirche in Tirol nicht guttun. Aber gerade die Ernennung von Manfred Scheuer zum Bischof von Linz könnte zumindest inhaltlich ein hoffnungsvolles Signal sein.

So paradox es klingt: Die Bischofsernennung in Oberösterreich ist eigentlich ein gutes Omen für Innsbruck. Denn Manfred Scheuer musste zwar aus dem Innsbrucker Dom zu St. Jakob aus- und am Sonntag in den Linzer Mariendom einziehen, doch er tut dies als Wunschkandidat der oberösterreichischen Katholiken. Rom hat also endlich einmal in das Kirchenvolk und in die verantwortlichen Gremien hineingehört, was unter den Vorgängern von Papst Franziskus nicht sehr oft der Fall war. Der 2013 verstorbene Altbischof Reinhold Stecher hat dies 1997 in seinem viel beachteten Wutbrief an den Vatikan („Verlorene Barmherzigkeit“) wenige Tage vor der Weihe seines Nachfolgers Alois Kothgasser schonungslos kundgemacht.
Kothgasser und danach der in Tirol ebenfalls nahezu unbekannte Manfred Scheuer waren sicher nicht der Wunsch der Innsbrucker Kirchenbasis, aber sie haben der Diözese gutgetan; weil sie ein Klima der Offenheit geprägt haben. Und vor allem Scheuer hat in den vergangenen zwölf Jahren die diözesanen Organisationsstrukturen behutsam verändert. Dialog, Wertschätzung und ein kollegialer Führungsstil drücken sich deshalb in jener Geschlossenheit aus, die in einem rasch erstellten Dreiervorschlag von Pastoral-, Laien- und Priesterrat für die Bischofsnachfolge eingeflossen sind. Für die Diözese ist es nicht wichtig, woher der neue Bischof kommt, sondern dass er den guten Weg Scheuers weitergeht und die Zukunftsaufgaben bewältigt.
Rom ist jedoch nach wie vor weit entfernt und Innsbruck kein kirchenpolitischer Brennpunkt. Trotz des klaren Signals der diözesanen Gremien dürfte es wohl dauern, andererseits könnte es gerade deshalb schnell gehen. Im Gegensatz zu Oberösterreich gibt es in Tirol auch keine Flügelkämpfe. Obwohl Generalvikar Jakob Bürgler voraussichtlich heute zum Administrator der verwaisten Diözese gewählt wird und damit für Kontinuität im Sinne von Manfred Scheuer gesorgt ist, fördert ein längeres Vakuum an der Spitze systemimmanent bedingte Spannungen im mittleren „Management“. Denn wichtige Entscheidungen können nicht getroffen werden, um dem neuen Oberhirten nicht vorzugreifen. Schließlich ist kirchenrechtlich vieles auf den Bischof ausgerichtet.
Der Vatikan weiß jedenfalls bereits, wen sich die Diözese als Bischof wünscht. Mit einer raschen Entscheidung wäre vielen gedient, Verzögerungen würden hingegen nur eine vermeidbare Führungslosigkeit mit all ihren möglichen negativen Folgen heraufbeschwören.

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