TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Anschlag mit enormer Folgewirkung", von Christian Jentsch

Ausgabe vom 13. Jänner 2016

Innsbruck (OTS) - Die Terrormiliz IS will mit dem Anschlag auf Touristen in der Metropole Istanbul den Nerv der türkischen Wirtschaft treffen. Ankara steht bei der Bekämpfung der Jihadisten vor einer Herkulesaufgabe.

Nach den verheerenden Anschlägen von Paris hat die Jihadistenmiliz IS ihren Terror nun offenbar auch in die türkische Wirtschafts- und Tourismusmetropole Istanbul getragen. Der Anschlag, dem in der Mehrzahl deutsche Urlauber zum Opfer fielen, zielte auf den Lebensnerv der Türkei. Ob er sich auch gezielt gegen deutsche Touristen gerichtet hat, blieb offen.
Istanbul ist nicht nur die bei Weitem wichtigste Wirtschaftsmetropole der Türkei. Istanbul ist auch eine der beliebtesten Tourismusdestinationen. Ein Horrorszenario scheint sich bewahrheitet zu haben: Nach den Anschlägen in Tunesien und Ägypten geriet nun auch der Tourismus in der Türkei ins Fadenkreuz der Terrormiliz. Ein herber Schlag für die Türkei, die im eskalierenden Kurdenkonflikt bereits von einer Welle der Gewalt überrollt wird. Im Südosten des Landes geht die Armee mit voller Wucht gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK vor. Auch zahlreiche Zivilisten wurden bereits getötet.
Anschläge des IS in der Türkei zielten bisher vor allem auf kurdische Aktivisten ab, wohl auch um den Konflikt zwischen Ankara und den Kurden weiter zu befeuern. So wurden bei einem Anschlag in der türkisch-syrischen Grenzstadt Suruc im Juli des Vorjahres 33 pro-kurdische Aktivisten getötet. Die türkischen Behörden machten den IS für das Attentat verantwortlich. Die PKK wiederum warf Ankara Komplizenschaft mit dem IS vor und verübte in der Folge Anschläge auf türkische Polizisten. Der Friedensprozess zwischen der PKK und der türkischen Regierung fand ein abruptes Ende. Ankara rief zum Anti-Terror-Kampf auf und nützte dies vor allem dazu, um Stellungen der PKK zu bombardieren. Auch der Anschlag auf eine regierungskritische Friedensdemonstration in Ankara im Oktober des Vorjahres soll laut türkischen Behörden auf das Konto des IS gehen. Unter den Opfern waren vorwiegend Anhänger der pro-kurdischen HDP. Lange Zeit wurde der Türkei vorgeworfen, nur wenig gegen den IS unternommen zu haben. Weniger der IS als vielmehr die eng mit der PKK verbündeten syrischen Kurdenmilizen, die sich in Syrien den Jihadisten entgegenstellen, waren Ankara ein Dorn im Auge. Erst auf starken Druck der USA hin öffnete die Türkei ihre Luftwaffenstützpunkte für die Kampfjets der Anti-IS-Koalition.
Nun fordert der IS auch die Türkei offen heraus. Der Türkei als umworbener Partner der EU in der Flüchtlingskrise steht vor einer neuen Herkulesaufgabe. Die Stabilität des Landes steht auf dem Spiel.

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