TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Finanzielle Berg-Rettung", von Peter Nindler

Ausgabe vom 12. Jänner 2016

Innsbruck (OTS) - Wer vom (freiwilligen) Sicherheitsnetz im Freizeit-und Bergland Tirol profitiert, sollte dafür auch einen Beitrag leisten. Nicht nur der Tourismus ist gefordert, sondern es benötigt insgesamt einen gerecht finanzierten Sicherheitsrucksack.

Es ist eine unendliche Geschichte und sie schreit schon längst nach einer Klärung. 3200 ehrenamtliche Bergretter rücken jährlich zu 4000 Einsätzen aus und bergen dabei rund 5000 Menschen. Doch in der Bergrettungskasse klafft ein Loch, 300.000 Euro fehlen im heurigen Jahr. Aber wo liegt der Systemfehler begraben?
Wie die Flugrettung, eine funktionierende bodengebundene Rettung oder eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung wirkt die Bergrettung als Teil des engmaschigen Sicherheitsnetzes. Ist deshalb nicht die öffentliche Hand gefordert, diesen unverzichtbaren Dienstleister im Tourismusland Tirol mit mehr als 730.000 Euro jährlich zu unterstützen? Schließlich leistet sich das Land für den Katastrophenschutz ja auch einen weiteren Hubschrauber um bis zu vier Millionen Euro. Außerdem gibt es mit den 15 in Tirol stationierten Notarzthubschraubern gleichermaßen eine Leistungsvereinbarung über 1,6 Millionen Euro. Die Basisarbeit am Berg leisten allerdings die Bergretter und sie müssen um jeden Cent kämpfen. Zumal eines nicht vergessen werden darf: Ausrüstung, Ausbildung und Versicherung verschlingen enorme Vorlaufkosten, die sich aber dann bei den Einsätzen bezahlt machen.
Dass das Land erneut als finanzielles Back-up-System herhalten muss, sollte zumindest kritisch hinterfragt werden. Es wird letztlich so kommen, weil sich nämlich kaum Alternativen auftun. Bis auf wenige Ausnahmen hat der Tourismus bisher den Bergrettern die kalte Schulter gezeigt. Und das bei 45 Millionen Übernachtungen im Jahr. Ein Cent von der Nächtigungsabgabe für die Sicherheit auf Piste oder Berg wäre verkraftbar, doch wahrscheinlich ein Kraftakt im Land. Denn die Partner sind zu heterogen, die Liste an Einwänden zu groß und der Verweis auf freiwillige Unterstützungen naturgemäß umfangreich. Die Politik des Löcherstopfens und des Finanzierens durch die Hintertür kann in Zeiten knapper öffentlicher Kassen aber nicht das Ziel sein. Vielmehr benötigt es einen Systemwandel: Dazu gehören ein verkraftbarer Beitrag der Betroffenen und die Abkehr von der beinahe kostenlosen Vollkasko-Mentalität ebenso wie die Leistungen der öffentlichen Hand und speziell in Tirol das Scherflein von den verschiedenen Nutznießern der Freizeitgesellschaft.
Wird dieser Sicherheitsrucksack aber nicht gerecht gepackt, wird vielleicht heute das Loch bei der Bergrettung gestopft, aber dann geht morgen möglicherweise schon das nächste bei der Rettung bzw. Flugrettung wieder auf.

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