TIROLER TAGESZEIZUNG, Ausgabe vom 9. Jänner 2016; Leitartikel von Wolfgang Sablatnig: "Am Gängelband des Erwin Pröll"

Innsbruck (OTS) - Das Tauziehen um die Präsidentschaftskandidatur der ÖVP kennt nur Verlierer. Wer auch immer morgen als schwarzer Bewerber um das höchste Amt im Staat gekürt wird, hat den Makel der zweiten Wahl.

Reinhold Mitterlehner wirkte recht gefasst, als er am Donnerstagabend in der ZiB 2 des ORF überraschend verkündete, dass der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll nicht der ÖVP-Kandidat für die Bundespräsidentenwahl sein wird. Vielleicht hatte er in der Hinterhand ja wirklich schon einen Kandidaten, der das Zeug hat, die Vorstellung der vergangenen Tage vergessen zu lassen? Vielleicht war es aber auch nur die Resignation, dass er nach der Absage Prölls nur verlieren kann.
Tatsächlich hat der Landeshauptmann nie bestätigt, dass er für die Hofburg kandidieren will. Selbst sein Pressesprecher hat sich abwr noch am Donnerstag – am Tag der Absage also – an Spekulationen darüber beteiligt, ob Pröll als Kandidat weiter Landeshauptmann bleiben würde. Zu diesem Zeitpunkt hat Mitterlehner schon seit mehr als zwei Wochen gewusst, dass Pröll kein Interesse hat – zumindest berichten das beide so.
Vor Weihnachten also hat der Landeshauptmann angeblich abgesagt. Warum aber haben dann noch so viele ÖVP-Granden wahre Loblieder auf Pröll gesungen?
Die Antwort ist einfach: Sie wussten nicht, was Mitterlehner und Pröll schon gewusst haben. Sie waren noch der Meinung, dass der Landeshauptmann antreten wird. Der Parteichef hatte sein Wissen für sich behalten – vielleicht in der Hoffnung, dass Pröll es sich doch anders überlegen könnte, auf jeden Fall aus der Einsicht heraus, dass die Kunde andernfalls sehr schnell an die Öffentlichkeit gelangen würde, mit vielen Namensnennungen, mit viel Was-wäre-wenn, mit dem Eindruck der Orientierungslosigkeit.
Letzteres hat Mitterlehner auch so nicht verhindern können – nur eben konzentriert am gestrigen Tag. Es bleibt das Bild der Abhängigkeit von Erwin Pröll. Und das kann dem ÖVP-Chef nicht recht sein. Vor sechs Jahren hat die Partei Pröll nicht ins Rennen gehen lassen. Jetzt revanchiert sich Pröll und hat die Partei anrennen lassen.
Verloren hat damit Parteichef Mitterlehner, der zu lange an Pröll festgehalten hat, ohne Alternativen zu suchen. Verloren hat vor allem aber auch der neue Kandidat. Er muss mit dem Makel ins Rennen gehen, nur zweite Wahl gewesen zu sein. Das gilt auch für Andreas Khol, selbst wenn dieser als Verfassungsjurist sowie ehemaliger Nationalratspräsident viele Voraussetzungen für das höchste Amt mitbringt und mit dem Seniorenbund über eine innerparteiliche Machtbasis verfügt.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001