TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Es geht um mehr als nur Tradition", von Florian Madl, Ausgabe vom 3. Jänner 2016

Zumindest Wintersport im Fernsehen macht uns glauben, dass wir einfach nur die Brettln anschnallen müssten.

Innsbruck (OTS) - Solange Sportveranstaltungen wie das Bergiselspringen stattfinden, glauben wir an den Winter. Dass dieser aus Schneekanonen und Kühlrohren kommt, tut nichts zur Sache.

Die anhaltende Schneearmut kratzt an unserem Selbstverständnis als Wintersportland, obwohl dafür doch bestenfalls der Klimawandel und daneben eine atypische Wettersituation verantwortlich zu machen sind. Obwohl uns die gar nicht mehr so kalte Jahreszeit mittlerweile zum Wandern einlädt, glauben wir noch an den Winter. Der kommt aus Schneekanonen – die 3500 Kubikmeter künstliches Weiß, die heute den Bergisel pflastern und ein Tourneespringen ermöglichen, hätte man heuer sonst tirolweit zusammenkratzen müssen. Auf der Innsbrucker Traditionsschanze, deren Anlauf Dutzende Meter von Kühlrohren perforieren, garantiert eine Kühlspur gleichmäßige Bedingungen. Und die soll demnächst durch eine 400.000 Euro teure Eisspur ersetzt werden, die gar bis zu zehn Plusgrade kompensieren kann. Damit hält der Winter zumindest über technische Hilfsmittel Einzug.
Im Skispringen ist diese Vorstellung von einem Wintererwachen leichter zu garantieren, alpin ist das längst nicht mehr der Fall. Die Traditionsrennen von Adelboden finden zwar auf einem Schneeband statt, aber Zagreb fällt ins Wasser, St. Anton musste die Absage ebenfalls verkünden. Die Entscheidung, ob der Winter letztlich ein guter war oder nicht, fällt ohnehin erst in Kitzbühel. Wenn am 23. Jänner eine Hahnenkammabfahrt über die Bühne geht, lassen sich auch grüne Weihnachten vergessen. Ein Bruch mit dieser Wettkampftradition würde vielen den letzten Funken Glauben an einen Winter 2015/16 rauben und Tourismusbetrieben die Aussicht auf eine positive Bilanz. Das Ringen um weiße Schneebänder in einer grünen Landschaft mag lächerlich und ökologisch nicht vertretbar erscheinen. Aber tatsächlich stellt es mehr als nur den Kampf um die Tradition dar.

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