TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Kopflastigkeit setzt der Euregio zu", von Peter Nindler

Ausgabe vom 2. Jänner 2016

Innsbruck (OTS) - Wenn die Bevölkerung bereits wie die Politik über die Europaregion Tirol denkt und spricht, dann läuft etwas schief. Im Alltag ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit noch nicht angekommen, sie bleibt ein politisches Gebilde.

Im Bundesland Tirol wurde die Europaregion bekannter (66 Prozent), die Zusammenarbeit zwischen Tirol, Südtirol und Trentino wird ebenfalls als sehr wichtig bzw. wichtig bezeichnet (90 Prozent) und soll in Zukunft noch verstärkt werden (74 Prozent). Was die Bevölkerung über die Europaregion Tirol denkt, sagt die Politik ebenfalls seit mehr als 20 Jahren. Allerdings bedeutet dieser Gleichklang nichts anderes, als dass die Europaregion vielfach in den Köpfen stecken geblieben und im Alltag noch nicht angekommen ist. Wünsche gibt es viele, doch die Realität sieht ernüchternd aus: Fast zwei Drittel der 1,77 Mio. Menschen nördlich und südlich des Brenners erkennen keine persönlichen Vorteile durch die Euregio.
Vielmehr wird die Europaregion nicht erst seit heute, sondern seit Jahren lediglich als politisches Gebilde wahrgenommen, das die Staatsgrenze überwindet. Obwohl sich die Bevölkerung konkrete Maßnahmen erwartet und diese – wie der gemeinsame Familienpass, ein Forschungsfonds oder im öffentlichen Verkehr – teilweise schon umgesetzt wurden, werden diese Aktivitäten noch nicht der Euregio zugeordnet. Hier sollte die Politik ansetzen, ansonsten bleibt die Euregio ein Schlagwort im politischen und medialen Diskurs. Die Wahrnehmung der Menschen reduziert sich nämlich darauf, im persönlichen und beruflichen Umfeld spielt sie kaum eine Rolle.
Zum einen setzt die Kopflastigkeit der grenzüberschreitenden Region zu, andererseits existiert mehr Schein als Sein. So prallen in der Verkehrspolitik die Interessen diametral aufeinander, das Trentino lassen die Tiroler Probleme kalt. Es gibt den Brennerbasistunnel und damit basta. Politisch ist Südtirol hier auch nicht wirklich ein Verbündeter. Im Tourismus denken die Südtiroler ohnehin eigenständig, da kann die Politik noch so sehr an einem Strang ziehen (wollen).
Viele Verwaltungsstrukturen und Büros wurden geschaffen, um die Europaregion in die Gänge zu bringen. Seit 2014 wird außerdem versucht, rund um das Europäische Forum Alpbach ein Kompetenzzentrum für die Europaregion zu entwickeln. Solange jedoch die Bevölkerung für sich keinen Mehrwert von der Euregio erkennt, werden alle politisch aufgesetzten Projekte scheitern.
Eines ist der Tiroler Politik mit der Europaregion jedoch zweifellos gelungen: Sie hat die Zerreißung Tirols und die willkürliche Grenzziehung nach dem I. Weltkrieg realpolitisch überwunden; im europäischen Sinne, obwohl patriotischen Kräften das nach wie vor zu wenig ist.

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