TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 31.12.2015, Leitartikel von Michael Sprenger: "Das Zögern der Männer"

Innsbruck (OTS) - Ich bin ein Bundespräsident für alle Österreicher.“ Nach der Angelobung eines jeden Bundespräsidenten gehörte bislang so oder so ein ähnlicher Satz zur Startfloskel ins neue Amt. Das wird nach der kommenden Wahl nicht anders sein. Auch dann nicht, wenn der Satz aus dem Munde einer Frau kommen sollte.
Doch anders als in den früheren Wahlgängen geht es dieses Mal darum, schon im Wahlkampf auf Unabhängigkeit zu setzen. Die frühere OGH-Präsidentin Irmgard Griss hat sich dieses Attribut schon zugeschrieben. Und sollte Alexander Van der Bellen antreten, und vieles deutet darauf hin, dann wird er von Anfang an versuchen, sich als Unabhängiger mit grün-liberaler Vergangenheit zu präsentieren. Sein Abstand von der Tagespolitik, sein Habitus und ein prominent-buntes Unterstützungskomitee werden dafür sorgen, dass er den Status eines unabhängigen Kandidaten glaubwürdig vertreten kann. Ein Unterfangen, das übrigens auch Josef Moser zugetraut werden kann. Wer will dem amtierenden Rechnungshofpräsidenten unterstellen, nichts anderes als ein blauer Parteigänger zu sein?
Da haben die Kandidaten von den beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP ein echtes Dilemma. Da können Spindoktoren noch so oft von Persönlichkeitswahl und von Erfahrung reden, Erwin Pröll oder Rudolf Hundstorfer nimmt man eine parteipolitische Unabhängigkeit nicht ab. Das wäre an sich noch kein großes Problem. Aber mit dem angeschlagenen Image, mit dem die beiden Regierungsparteien zu kämpfen haben, ist es dann eins. Da können ihre Kandidaten allenthalben nur mehr die jeweils schrumpfende Kernwählerschicht ansprechen. Das wissen Pröll und Hundstorfer allemal.
Pröll würde trotz seiner Macht im flachen Land ein Verlust des katholischen Flügels an Griss, des rechten CV-Flügels an Moser und im Westen an Van der Bellen drohen. Zudem muss er damit rechnen, dass in den sozialen Medien die Gerüchteküche angeheizt wird. Hundstorfer weiß, dass es der SPÖ an Programmatik und an Kampagnefähigkeit fehlt. Da droht ein regelrechtes Ausrinnen hin zu Van der Bellen, zu Griss und auch Moser.
Bei so einer Ausgangslage ist zweierlei zu prognostizieren. Eine wenig gewagte Vorhersage: Es wird eine Stichwahl geben. Keinesfalls kühn scheint die zweite Prognose zu sein: Bei dieser Stichwahl wird ein Regierungskandidat nicht mehr zur Wahl stehen – und ein Regierungskandidat schwer angeschlagen sein.

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