TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 29.12.2015, Leitartikel von Gabriele Starck: "Wider jegliche Vernunft"

Innsbruck (OTS) - Die Klänge des Donauwalzers, ein Glas Sekt in der Hand und der Tanz der Farben am Nachthimmel. So und nicht anders hat das neue Jahr zu beginnen. Und wenn schon Verzicht angesagt ist, dann lieber aufs Sprudelwasser und Johann Strauß Sohn, niemals aber aufs Feuerwerk. Ein Jahreswechsel in Stille – ohne jegliche Raketen und Böller – täte schon fast in den Ohren weh. Einfach weil etwas fehlte. Wie sollte man denn sonst seiner Freude über das überstandene alte und der Hoffnung auf ein gutes neues Jahr Ausdruck verleihen? Und immerhin vertrieb man einst böse Geister mit der Knallerei. Tradition hin, Ritual her. Die Zeiten ändern sich. Es muss nicht sein, dass zum Jahreswechsel allein von Privaten zehn Millionen Euro in den Wind geschossen werden. In 850 italienischen Städten, darunter Mailand, Genua und Trient, ist die Silvesterknallerei inzwischen bei Strafandrohung verboten. Und die steirische Landeshauptstadt verzichtet schon zum zweiten Mal aufs offizielle Feuerwerk am Grazer Schloßberg. Kosten und Feinstaubbelastung seien zu hoch.
Die Kosten für das Innsbrucker Bergsilvester und die Feuerwerke in den Wintersportorten mögen sich dank begeisterter und deshalb wiederkehrender Touristen amortisieren. Letztere Begründung jedoch – die der Feinstaubbelastung – sollte gerade in Tirol auf offene Ohren stoßen. Immerhin wird der Luft-100er von großen Teilen der Bevölkerung mehr oder minder akzeptiert. Aber nein, zu Silvester wird auch hier in die Luft geschossen, was das Zeug und der Geldbeutel hergeben. Dabei übersteigt laut Österreichischem Verein für Kraftfahrzeugtechnik die durch Pyrotechnik freigesetzte Menge an Kleinstpartikeln jene des jährlich durch den Straßenverkehr abgesonderten Feinstaubs. Und nicht ohne Grund legt sich jedes Jahr 20 Minuten nach Mitternacht eine dichte Smogwolke über die Stadt, die Spätzünder nur noch diffus leuchten lässt.
Darüber hinaus: Von bösen Verletzungen, verstörten Haustieren und Knalltraumata abgesehen, unterscheidet sich der Lärm eines Feuerwerks nur wenig von Gewehrsalven und Bombenexplosionen. Beleg dafür sind die verängstigten Anrufe bei der Polizei, jedes Mal, wenn in Innsbruck unterm Jahr ein privates Feuerwerk entzündet wird. In Zeiten, wo Millionen Menschen vor Tod und Zerstörung auf der Flucht sind, mutet die zelebrierte Knallerei geradezu obszön an. Feuerwerke sind wider jegliche Vernunft. Doch Silvester hat zugegebenermaßen weniger mit Vernunft als sehr viel mehr mit Bauchgefühl tun.

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