Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 22. Dezember 2015. Von MAX ISCHIA. "Nachspielzeit birgt reichlich Gefahren".

Innsbruck (OTS) - Die (einst) mächtigsten Männer des Weltfußballs, FIFA-Boss Joseph Blatter und UEFA-Präsident Michel Platini, wurden endgültig des Spielfeldes verwiesen. Die Probleme bleiben. Die US-Justiz wartet als schärfster Widersacher.

Joseph S. Blatter, langjähriges Oberhaupt des Fußball-Weltverbandes FIFA, ist ein gläubiger Mensch. Als
„guter Christ“ (Eigendefinition) hatte er Anfang des Monats angeprangert, dass die Machenschaften der FIFA-Ehtikkommission rund um seine Person einer Inquisition gleichen. Gestern wurde der Scheinheilige von eben jenen Ethikhütern für acht Jahre gesperrt. So wie auch sein Kollege von der Europäischen Fußball Union (UEFA), Michel Platini. Urteile, die wenig überraschend kamen. Und Reaktionen, die man genau so erwarten durfte. Beide tief gefallenen Spitzenfunktionäre witterten so etwas wie Verrat und werden das Urteil anfechten und nicht zuletzt beim Sportgerichtshof CAS vorstellig werden – beide mit wenig Aussicht auf Erfolg. Unabhängig davon ergibt sich zum nahenden Jahreswechsel die gleichsam groteske wie untragbare Situation, dass weder der Weltverband noch der reichste Kontinentalverband (UEFA) und auch nicht der größte nationale Verband (Deutsche Fußball Bund) einen ordnungsgemäß gewählten Präsidenten haben. Mehr noch: Die Chefitäten der Verbände aus Südamerika und Nord- und Zentralamerika wurden kürzlich wegen möglicher Korruption festgenommen, der Boss der asiatischen Konföderationen und FIFA-Präsidentschaftskandidat Ibrahim Al Chalifa muss sich mit Vorwürfen wegen Menschenrechtsverletzungen in Bahrain auseinandersetzen und selbst gegen FIFA-Interimspräsident und Afrika-Boss Issa Hayatou gibt es Korruptionsvorwürfe.
Auch wenn die FIFA künftig transparent(er) werden will, eine Amtzeitbeschränkung von zwölf Jahren und die jährliche Öffentlichmachung der Vergütungen der Topfunktionäre beschloss, stinkt es an vielen Ecken und Enden. Auch oder insbesondere für die US-Justiz, die das Ausmaß der Korruption als „unglaublich“ befindet und noch reihenweise FIFA-Funktionäre auf die Anklagebank befördern will. Dass US-Justizministerin Loretta Lynch zuletzt mit Blick auf die FIFA die „Lebenfähigkeit der Organisation in der Zukunft“ in Zweifel zog, sollte allen zu denken geben. Die Nachspielzeit birgt mehr Gefahren, als viele glauben. Blatter, nach einem Zusammenbruch im November gesundheitlich immer noch gezeichnet, will dies nicht wahrhaben. Und vielmehr dafür kämpfen, dass er beim Wahl-Kongress am 26. Februar 2016 mit von der Partie ist. Es sei, sagte er, noch nicht zu Ende. Damit hat er ausnahmsweise recht. Irgendwie halt.

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