Presserat: „Heute“ zeigt Ermordung Jugendlicher - Ethikverstoß

Wien (OTS) - Der Senat 3 des Presserats beschäftigte sich mit einem Foto zu dem Artikel „Schülerin (16) stirbt bei Schwulen-Parade“, erschienen in der Tageszeitung „Heute“ vom 04.08.2015. Auf dem Foto ist zu sehen, wie ein jüdischer Extremist einer in der Zwischenzeit verstorbenen 16-jährigen Schülerin ein Messer in den Rücken sticht. Nach Ansicht des Senats verstößt die Veröffentlichung dieses Fotos gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Intimsphäre) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

In dem Artikel, zu dem Das Foto gehört, wird davon berichtet, dass eine 16-jährige Schülerin, die bei der Jerusalemer Gay-Parade von einem „jüdischen Extremisten“ attackiert wurde, gestorben ist. Der Chefredakteur von „Heute“ hielt in einer Stellungnahme gegenüber dem Presserat fest, dass das Bild, das den Messerstich zeigt, weltweit in allen relevanten Medien in Print, TV und online veröffentlicht worden sei. Im vorliegenden Fall seien die Eltern des Mädchens von sich aus an Presse und Öffentlichkeit getreten, hätten diese zu den Trauerfeierlichkeiten eingeladen und dort auch ein Manifest verlesen. In dem Fall der Veröffentlichung eines Bildes, das genau den Augenblick zeigt, in dem ein Terrorist im Zuge des Anschlages auf „Charlie Hebdo“ einen Polizisten erschossen hat, habe der Presserat ein öffentliches Interesse an der Veröffentlichung dieses Fotos bejaht. Dieser Grundsatz sei auch hier zu berücksichtigen.

Der Senat betont, dass es sich bei dem Opfer der Straftat um eine Jugendliche handelt. Punkt 6.3 des Ehrenkodex schreibt vor, dass vor der Veröffentlichung von Bildern und Berichten über Jugendliche die Frage eines öffentlichen Interesses daran besonders kritisch zu prüfen ist.
Dem Chefredakteur von „Heute“ ist zwar darin zuzustimmen, dass grundsätzlich ein öffentliches Interesse an Berichten über eine Messerattacke durch einen jüdischen Extremisten besteht.
Beim vorliegenden Bild geht der Senat jedoch davon aus, dass die Persönlichkeitsinteressen der verstorbenen Schülerin gegenüber dem Informationsinteresse der Allgemeinheit überwiegen. Der Senat bewertet die Veröffentlichung als Eingriff in die Menschenwürde und die Intimsphäre (siehe die Punkte 5.1 und 6.1 des Ehrenkodex). Dieses Ergebnis steht im Einklang mit der Bewertung der Veröffentlichung jenes Bildes, auf dem ein Polizist kurz vor der Ermordung durch einen Terroristen im Zuge des Terrorangriffs auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ gezeigt wird (Fall 2015/02 und 11). In diesem Fall hat der zuständige Senat des Presserats betont, dass die Veröffentlichung des Bildes wegen der außergewöhnlichen Dimension des Terrorakts ausnahmsweise gerechtfertigt erscheint.
Die Terrorattacke in Paris im Jänner dieses Jahres erreichte ein anderes Ausmaß als die Attacke des jüdischen Extremisten; die Berichterstattung über den Anschlag in Paris war entsprechend umfangreicher. Hinzu kommt, dass das Opfer kein erwachsener Polizist ist, sondern eine 16-jährige Privatperson.
Die betroffene Medieninhaberin wurde aufgefordert, die Entscheidung freiwillig in der Tageszeitung „Heute“ zu veröffentlichen.
Dem Artikel war auch noch ein weiteres Foto beigefügt, dass die Verstorbene zu Lebzeiten zeigt. Dieses Foto stammt offenbar von ihrer Facebook-Seite.
Da die Eltern bewusst an die Öffentlichkeit herangetreten sind und verschiedene andere Bilder ihrer Tochter herausgegeben haben, hält der Senat die Veröffentlichung dieses Fotos als gerechtfertigt.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND VON MITTEILUNGEN VON LESERINNEN UND LESERN
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall führte der Senat 3 des Presserats aufgrund von Mitteilungen von Leserinnen und Lesern ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund von Mitteilungen). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel oder ein journalistisches Verhalten den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der Tageszeitung „Heute“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.
Die Medieninhaberin der Tageszeitung „Heute“ und hat sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Wolfgang Unterhuber, Sprecher des Senats 3, Tel.: 0664-80666-8600

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