Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 21. Dezember 2015; Leitartikel von Florian Madl: "Sicherheit bleibt ein Ladenhüter"

Innsbruck (OTS) - Nur sechs von 63 Abfahrtsrennläufern streiften sich am Samstag in Gröden eine Airbag-Weste über. Dass mit Matthias Mayer ausgerechnet ein Sturzopfer darunter war, versteht mancher Kollege als Mahnung, Ted Ligety indes als Farce.

Skirennläufer Matthias Mayer liegt in einem Innsbrucker Sanatorium. Sicherlich kein angenehmer Zustand, aber zumindest ist sein Aufenthalt von der Gewissheit begleitet, dass er dieses mit eigener Körperkraft wieder verlassen wird können. Einen Schutzengel hatte der Kärntner, keine Frage. Oder Glück, wie man will. In jedem Fall aber auch den Glauben an eine Technik, deren Vertrauenswürdigkeit erstmals auf die Probe gestellt wurde. Unumstritten war dieses ausgeklügelte Airbag-System, den meisten aus dem Autobau ein Begriff, noch vor Saisonbeginn nicht. Und für US-Rennläufer Ted Ligety galt das auch gestern, für ihn seien Testpersonen „Crash-Test-Dummies“. Wen wundert es also, dass sich von 63 Startern in Gröden lediglich sechs einer Sicherheitsweste dieser so komplexen Machart bedienten. Warum die Skepsis?
Die einen meinten, das Geld spiele eine Rolle (1500 Euro Anschaffungskosten). Das kann höchstens für jene Exoten gelten, für die selbst die Liftkarte eine Investition darstellt.
Auch der unergründliche Auslöse-Algorithmus wurde in Frage gestellt: Ein Stück Textil, das mitdenkt – gibt es das? Naheliegender: Die meisten Fahrer gaben mehr auf die physikalischen Gesetze der Aerodynamik als auf jene Newtons. Dessen Formel kann nämlich untrüglich nachweisen, dass ein Sturz jenseits der 100 km/h (und auch vorher) verheerende Folgen nach sich zieht. Vor Sicherheitsdiskussionen ist man im Skisport ohnehin niemals gefeit: Nach Matthias Lanzingers schwerem Sturz (2008/Kvitfjell) war die Rettungskette das bestimmende Thema, nach jenem von Hans Grugger (2011/Kitzbühel) der Helm, im Fall von Mario Scheiber (2011/Chamonix) waren es die einer Autobahn gleichen Rennstrecken: Durch die glatte Auflage würde die Geschwindigkeit ins Unermessliche steigen, das Gefühl dafür allerdings ins Bodenlose sinken.
Stets zogen die Experten des Weltskiverbands nach, im Fall des nun entwickelten Renn-Airbags waren sie ihrer Zeit auf wunderbare Weise voraus. Der Gröden-Sturz Matthias Mayers darf als Wink mit dem Zaunpfahl verstanden werden, dass Schutzengel im Fall eines Sturzes nicht die einzigen Verbündeten sein müssen. Der Kärntner erwies dem Airbag-Mechanismus nach seinem vergleichsweise glimpflich verlaufenen Sturz und die dadurch gewonnene Aufmerksamkeit einen guten Dienst. Dass auch er dem System zu Dank verpflichtet ist, steht noch nicht für alle außer Frage.

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