TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Ein Druckventil und noch viel Arbeit", von Nikolaus Paumgartten

Ausgabe vom 11. Dezember 2015

Innsbruck (OTS) - Das vom Landesschulrat für Tirol präsentierte Konzept zur Kontrolle des Andrangs auf die Gymnasien macht Sinn. Begleitend dazu braucht es jedoch eine Offensive, um endlich die Neuen Mittelschulen aus dem Imagetief zu holen.

Im Großraum Innsbruck beginnt am Ende der Schulsemester das große Feilschen. Eltern rennen den Schulleitungen und Lehrpersonen die Türen ein und fordern das für den Wechsel in ein Gymnasium notwendige Vorzugszeugnis. Die Volksschule als Basar. Laut Erzählungen von betroffenen Lehrerinnen und Lehrern reicht das Repertoire der Eltern von eindringlichem Bitten über Interventionen bei höchsten Stellen bis hin zu Drohungen. Alles nur, um ihrem Kind den Besuch einer Neuen Mittelschule in Innsbruck zu ersparen. Nicht selten geben Volksschullehrer dem massiven Druck entnervt nach. Das Ergebnis:
Kinder, die es aufgrund ihrer Leistung erst gar nicht ins Gymnasium geschafft hätten, dürfen plötzlich selbiges besuchen, während anderen mit redlich verdienten Einsern der Wechsel verwehrt bleibt.
Druck rausnehmen und mehr Gerechtigkeit. Das will der Landesschulrat für Tirol mit dem in den vergangenen Monaten erarbeiteten und mit Elternvertretern abgestimmten Konzept für Standorte mit überfüllten Gymnasien erreichen. Die Chancen, dass das mit den angepeilten Maßnahmen gelingt, stehen gut. Externe Kompetenzüberprüfungen außerhalb des Einflussbereichs von Eltern und Lehrern ermöglichen eine objektive Leistungsbeurteilung. Dass nur noch die Leistungen der vierten Klasse Volksschule als Auswahlkriterium gelten und nicht mehr wie bisher auch die Beurteilung in der dritten Klasse, würde zudem Druck von den Schülern nehmen. Allerdings steht und fällt die Umsetzung mit der Zustimmung aus dem Bildungsministerium.
Fakt ist: Die Realisierung des Konzeptes der Arbeitsgruppe würde den Besuch eines Gymnasiums zusätzlich aufwerten. Die bereits jetzt mit massiven Imageproblemen kämpfenden Neuen Mittelschulen drohen damit jedoch im Gegenzug weiter an Boden zu verlieren. Zu Unrecht haftet ihnen der Ruf als Bildungseinrichtung für sozial Schwache oder so genannte Problemfälle an. Dass in den Mittelschulen engagierte Lehrpersonen höchst wertvolle und nachhaltige Bildungsarbeit leisten, wird in der öffentlichen Meinung – vor allem im städtischen Raum – oft übersehen. Da sich weder Schüler noch Lehrer diesen negativen Stempel verdient haben, benötigt es zusätzliche Anstrengungen und eine entsprechende Offensive aus dem Landesschulrat. Damit nicht am Ende der Eindruck bleibt, dass die Bildungsverantwortlichen nur dem Wohle der Gymnasien zugearbeitet hätten.

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