Presserat: Artikel über Flüchtlinge schürt rassistische Vorurteile

Wien (OTS) - Der Senat 2 des Presserats beschäftigte sich mit dem Artikel „Österreich wird endgültig zum Einwanderungsland“, erschienen in der „Aktiv Zeitung“ vom 27./28.08.2015. Nach Ansicht des Senats verstößt dieser Artikel gegen die Punkte 2 (Genauigkeit) und 7 (Pauschalverunglimpfung und Diskriminierung) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Der Artikel betrifft das Thema Flüchtlinge. Zunächst wird über die derzeitige Situation in Österreich und der Steiermark berichtet. Im letzten Teil des Artikels wird festgehalten, dass ein „US-Militärstratege“ namens Thomas Barnett „zerstörerische Positionen“ vertrete und „die Globalisierung mittels Rassenvermischung sowie kultureller und religiöser Gleichschaltung herbeiführen“ wolle. Am Ende wird Barnetts „Europaplan“ als Zitat folgendermaßen beschrieben: „Das Endziel ist die Gleichschaltung aller Länder der Erde, sie soll durch Vermischung der Rassen herbeigeführt werden, mit dem Ziel einer hellbraunen Rasse für Europa. Hierfür sollen jährlich 1,5 Millionen Einwanderer aus der dritten Welt aufgenommen werden. Das Ergebnis ist eine Bevölkerung mit einem durchschnittlichen IQ von 90, zu dumm zu begreifen, aber intelligent genug, um zu arbeiten.“ Abgeschlossen wird der Artikel mit dem Satz in kursiver Schrift: „Angesichts solcher Thesen erscheint es zulässig für Menschen in Europa und Österreich, der Flüchtlingswelle durchaus sorgenvoll entgegenzublicken!“

Die Medieninhaberin der „Aktiv Zeitung“ hat vorgebracht, dass „sämtliche erwähnten Dinge“ einer Internetrecherche standhalten würden und es den Lesern zumutbar sei, auch damit konfrontiert zu werden. Dazu wurde ein von einer „Non Profit News Redaktion“ auf
„http://pressejournalismus.com“ veröffentlichter Beitrag mit dem
Titel „Der nicht mehr ganz so geheime Globalisierungsplan der USA“ als Quelle vorgelegt.

Der Senat ist der Auffassung, dass für den vorliegenden Artikel nicht gewissenhaft und korrekt recherchiert wurde. Als Quelle eine Homepage anzugeben, auf der u.a. eine nicht näher bestimmte „Non Profit News Redaktion“ Beiträge verfasst, erfüllt das Gebot einer gewissenhaften Recherche nicht.
Weite Passagen des kritisierten Artikels wurden wörtlich von dem Beitrag auf der erwähnten Homepage übernommen. Es erfolgte weder eine kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Beitrags noch wurde die Seriosität der Homepage oder des zitierten „US-Militärstrategen Thomas Barnett“ geprüft. Dies wird in der Stellungnahme der Medieninhaberin gegenüber dem Presserat auch gar nicht behauptet. Dass etwas einer „Internetrecherche“ standhalte, lässt keinen Rückschluss auf die Qualität und Seriosität der Quellen zu. Es ist allgemein bekannt, dass es gerade im Internet auch viele unseriöse Quellen gibt. Der Senat sieht in der Vorgehensweise einen Verstoß gegen Punkt 2.1 des Ehrenkodex (gewissenhafte Recherche).
Der Senat bewertet den Artikel aber auch als rassistisch und hetzerisch. Im Hinblick auf die angeführten Zitate Barnetts werden Flüchtlinge und Migranten pauschal als dumm und eine Gefahr für Europa dargestellt. Die europäische Bevölkerung solle zu einer „hellbraunen Rasse“ vermischt werden, die „zu dumm zu begreifen, aber intelligent genug, um zu arbeiten“ sei. Der Autor des Artikels nimmt diese Zitate offenbar ernst, indem er abschließend feststellt, dass Menschen in Europa und Österreich der Flüchtlingswelle daher zu Recht sorgenvoll entgegenblickten.
Der Artikel schürt rassistische Vorurteile und Ängste. Die Pauschalverunglimpfung und Diskriminierung iSd. Punkt 7 des Ehrenkodex ist evident.
Die betroffene Medieninhaberin wurde aufgefordert, die Entscheidung freiwillig in der „Aktiv Zeitung“ zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINER LESERIN
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall führte der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung einer Leserin ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der „Aktiv Zeitung“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.
Die Medieninhaberin der „Aktiv Zeitung“ hat sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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