Presserat: Post von Jeannée an Amnesty International verstößt gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Senat 1 des Presserats beschäftigte sich mit dem Kommentar „Post von Jeannée – An Amnesty International“, erschienen auf Seite 2 der „Kronen Zeitung“ vom 15.08.2015. Nach Ansicht des Senats verstößt dieser Beitrag gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

In dem Kommentar kritisiert der Verfasser einen Bericht von „Amnesty International“ zur Lage im Flüchtlingslager in Traiskirchen. Ihn packe „die kalte Wut ob des ‚Skandal‘-Berichts, durch den unser Land besudelt, diskriminiert, verleumdet“ werde. Der Bericht stamme von „Damen und Herren, die aus London eingeflogen wurden, in einem vornehmen Luxushotel abstiegen, sich in klimatisierten Limousinen nach Traiskirchen kutschieren ließen, dort sechs Stunden völlig sicher umherstaksten, das eine oder andere Gespräch führten, anscheinend wahrscheinlich gepflegt zu Abend aßen und wieder verschwanden.“ Dass Fehler gemacht würden, liege in der Natur der Sache, „mit der selbst die zuständigen Stellen wie Caritas und Rotes Kreuz schlicht und einfach überfordert“ seien, er lasse sich aber „nicht von irgendwelchen Arroganzlingen aus London, die sich nicht nach Syrien, in den Irak oder nach Libyen wagen, um dort zu ‚prüfen‘, unser Land schlechtmachen.“
Mehrere Leserinnen und Leser kritisierten, dass die Mitglieder des Teams von Amnesty International nicht aus London eingeflogen worden seien und der Kommentar daher unwahr sei.
Am 19.08.2015 wurde auf Seite 14 der „Kronen Zeitung“ der Kommentar „Post von Jeannée – An Amnesty International (Teil zwei)“ veröffentlicht, in dem sich unter anderem folgende Passage findet:
„Alles nicht wahr, heult Rauscher. Weil das Prüfer-Team gar nicht aus London eingeflogen wurde, sondern aus Österreich kam. Mea culpa! Aber so what? Nur umso ärger und widerwärtiger! Denn wenn die ‚Prüfer‘ nicht aus der Londoner AI-Zentrale in Marsch gesetzt wurden, um die ‚skandalösen und menschenunwürdigen Zustände‘ für Flüchtlinge in Traiskirchen zu dokumentieren… …wo alles Menschenmögliche getan wird, um das Leid dieser Ärmsten der Armen zu lindern… … wenn also diese Leute Landsleute sind, dann heiße ich sie Nestbeschmutzer.“

Der Senat vertritt die Ansicht, dass der Beitrag „Post von Jeannée – An Amnesty International“ vom 15.08.2015 gegen Punkt 2 des Ehrenkodex (Genauigkeit) verstößt, da die Prüfer entgegen der Behauptung in diesem Kommentar nicht „aus London eingeflogen“ wurden.
Die zweite „Post von Jeannée“ wertet der Senat nicht als Richtigstellung und Entschuldigung. Der Autor gestehet in dieser zwar ein, dass die Prüfer nicht „aus London eingeflogen“ seien, sondern es sich um „Landsleute“ handle. Durch die Formulierung „Mea culpa! Aber:
So what?“ wird dies jedoch so dargestellt, als ob es ohnedies völlig unproblematisch wäre, wenn in einer Veröffentlichung falsche Fakten präsentiert werden.
Der Senat forderte die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ auf, die vorliegende Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND VON MITTEILUNGEN VON LESERINNEN UND LESERN
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 1 des Presserats aufgrund von Mitteilungen von Leserinnen und Lesern ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.
Bisher hat sich die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

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