Presserat: Bordellwerbung in „Gailtal-Journal“ verstößt gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Senat 3 des Presserats beschäftigte sich mit dem Artikel „Willkommen im Wellcum“, erschienen in der Juni-Ausgabe des „Gailtal Journal“.
Nach Ansicht des Senats verstößt der Artikel u.a. gegen die Punkte 3 (Unterscheidbarkeit), 4 (Einflussnahme) und 7 (Schutz vor Diskriminierung) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Der Artikel ist eine Reportage über das „Erotikhotel Wellcum“, zu dem „Frauen keinen Zutritt“ hätten. Die Autorinnen des Beitrags sind namentlich angegeben; das „Gailtal Journal“ wolle „so viel wie möglich von diesem Hotel erfahren.“
Zu den Damen, die in dem Hotel „ihrer Selbständigkeit nachgehen“, heißt es: „Eine schöner wie die andere! Da schaut sogar Frau gerne hin und verblasst ein bisschen vor ‚Neid‘.“ Ihre Eindrücke geben die Autorinnen folgendermaßen wieder: Hübsche Frauen ziehen sich kurz zurück und erscheinen dann spärlich bekleidet und wunderschön proportioniert. Es stehe außer Frage, „[d]ass jede der Damen ein absolut einwandfreies Gesundheits-Zeugnis“ vorweisen müsse. Der Eintritt betrage „85,00 EURO bei Vollverpflegung“, dafür könne „der Gast dann alles benützen, Swimming- und Whirlpool, Sauna, Infrarotkabine, Frühstück und hervorragendes Mittag- und Abendessen und natürlich schöne Zimmer- wie in einem normalen Hotel auch“. Die Veröffentlichung endet mit dem Fazit: „Das Wellcum bringt Einnahmen für die Gemeinde, den umliegenden Pensionen, den Unternehmen und Professionisten, den Taxifahrern. […].“

Der Beitrag ist nach Auffassung des Senats für die Leserinnen und Leser nicht ausreichend als Anzeige erkennbar. Im Schriftbild unterscheidet er sich nicht von den übrigen Artikeln.
Der Senat betont, dass die Kennzeichnung als „Anzeige“ derart klein ausgefallen ist, dass viele Leserinnen und Leser dies übersehen. Der Aufmerksamkeitswert dieser Kennzeichnung ist gering.
Der Werbecharakter des Beitrags wurde offenbar bewusst verschleiert. Der Beitrag ist in der Rubrik „KULTUR“ erschienen und die Autorinnen schildern vermeintlich ihre persönlichen Eindrücke und Meinungen. Es wird der Anschein von Objektivität erweckt und der Eindruck vermittelt, dass es sich um einen unabhängig recherchierten journalistischen Beitrag handelt. Die Leserinnen und Leser werden in die Irre geführt.
Der Senat stellt daher einen Verstoß gegen die Punkte 3 (Unterscheidbarkeit) und 4 (Einflussnahme) des Ehrenkodex fest.

Der Senat bewertet den Beitrag aber auch als Diskriminierung von Frauen, wobei der Senat nicht die Werbung für Prostitution an sich kritisiert, sondern die herabwürdigende Herangehensweise. Anstatt Prostituierte als Dienstleisterinnen zu behandeln, die nicht sich selbst, sondern lediglich ihre sexuellen Dienste verkaufen, werden Frauen in erster Linie als Objekt beschrieben. Dabei werden Formulierungen wie „Eine schöner wie die andere! Da schaut sogar Frau gerne hin und verblasst ein bisschen vor ‚Neid‘.“ verwendet, die Frauen als „wunderschön proportioniert“ bezeichnet und es wird erklärt, „[d]ass jede der Damen ein absolut einwandfreies Gesundheits-Zeugnis“ vorweisen müsse.
Demnach liegt auch ein Verstoß gegen Punkt 7 des Ehrenkodex vor (Schutz vor Diskriminierung).

Die betroffene Medieninhaberin wurde aufgefordert, die Entscheidung freiwillig im „Gailtal-Journal“ zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINER LESERIN
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall führte der Senat 3 des Presserats aufgrund einer Mitteilung einer Leserin ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel oder ein journalistisches Verhalten den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin des „Gailtal Journal“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.
Die Medieninhaberin des „Gailtal Journal“ hat sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Wolfgang Unterhuber, Sprecher des Senats 3, Tel.: 0664-80666-8600

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