TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Freitag, 20. November 2015, von Anita Heubacher: "Schöne neue Autowelt"

Innsbruck (OTS) - 2050 fahren wir maximal 300 Kilometer mit dem Auto und ansonsten Bahn. Die Hälfte des Güter- und Personenverkehrs wird auf der Schiene stattfinden, die Luftbelastung reduziert sein. Die Richtung stimmt schon mal.

Am Samstag wird Tempo 100 auf Teilabschnitten der Inntal- und Brennerautobahn ein Jahr alt. Weniger Geschwindigkeit, weniger Abgase. Die Gleichung haben sowohl die Technische Universität Graz als auch das Umweltbüro Ökoscience bestätigt. Und bevor jetzt am Stammtisch die Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Hunderters ausbricht, lohnt vielleicht die Vogelperspektive, um zu erkennen, wohin die Reise geht.
Im Jahr 2050 sollen keine mit konventionellen Kraftstoffen betriebenen Pkw mehr in Städten unterwegs sein, 50 Prozent des Güter-und Personenverkehrs auf die Schiene verlagert sein. Ab 300 Kilometern werden wir uns gar nicht mehr überlegen, ob wir mit dem Auto fahren, sondern automatisch in die Bahn einsteigen, jeder Flughafen wird mit der Schiene verbunden sein, Staus werden sich reduziert haben. Die Zahl der Verkehrstoten im städtischen Bereich soll auf null gesunken, die verkehrsbedingten Emissionen sollen bis 2050 um 60 Prozent reduziert sein. Die Ziele stammen nicht aus einem Märchen-, sondern aus dem Weißbuch Verkehr der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2011.
Als Einzelmaßnahme hat Tempo 100 im Vergleich zu anderen die Luft am meisten entlastet. Wie groß die Chance ist, dass Tempo 130 wieder eingeführt wird, kann sich jeder selbst ausrechnen. Die allergrößte Entlastung dürfte allerdings nicht ein Maßnahmenbündel der Landespolitik, sondern die Technik bringen. Die internationale Transitflotte rüstet um. Die neuesten Lkw stoßen um das Zwanzigfache weniger Schadstoffe aus als ein altes Modell. Bravo, Ziel erreicht, könnte man meinen. Aber erstens ist nach dem VW-Skandal Skepsis angebracht, zweitens zählt nur das, was die Luftgüte-Messstellen sagen, und dort sind die Überschreitungen doppelt so hoch, wie es für die Gesundheit verkraftbar wäre. Und drittens, wenn auch der Verkehr vielleicht sauberer wird, wird er mehr. Im Güntertransport und im Personenverkehr.
An der Verlagerung führt daher kein Weg vorbei. Da kann die Landespolitik in einer Alpenregion wie Tirol ein Schäuferl beitragen, Südtirol und Bayern tun es leider nicht, mit wenig Aussicht auf Besserung. In allererster Linie ist aber die EU gefordert. Wenn sie es mit der Verlagerung ernst meint, muss sie ihrem Weißbuch einen Aktionsplan und die Umsetzung folgen lassen. Besser gestern als morgen.

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